Primärversorgungszentren: Einfluss auf die Chirurgie

von MR Dr. Ernest Zulus, MBA

Als Anästhesist und Intensivmediziner hatte ich fast 30 Jahre eine enge Zusammenarbeit mit den chirurgischen Fächern. Vor 5 Jahren bin ich in eine allgemeinmedizinische Gruppenpraxis eingestiegen schon mit dem Ziel ein Primärversorgungszentrum (PVZ) zu gründen. Am 2.1.2023 eröffnete ich gemeinsam mit Dr. Mario Földy das PVZ Oberdöbling. Meine langjährige Spitalstätigkeit hat mir den Aufbau eines interdisziplinären Netzwerkes natürlich erleichtert. Ich weise regelmäßig in chirurgische Ambulanzen und niedergelassen Chirurg:innen zu für die weitere Abklärung bzw. OP-Planung.

Dr.Zulus
MR Dr. Ernest Zulus, MBA

In den letzten Jahren ist ein regelrechter Hype um die Gründung von Primärversorgungseinheiten entstanden. Sowohl Krankenversicherungsträger wie auch politische Stakeholder sind an der vermehrten Etablierung von PVEs dringend interessiert, der chronische Versorgungsmangel im niedergelassenen allgemeinmedizinischen Bereich und der steigende Bedarf an Versorgungsmöglichkeiten chronisch kranker Patient:innen unterstreichen deren dringende Notwendigkeit. So unterstreicht auch das aktuelle Regierungsprogramm den dringenden Bedarf mit der Erwähnung von PVE aber auch von fachärztlichen Zentren als Zusammenschluss mehrerer Fachbereiche.

Das erste PVE startete damals noch als PVZ also als Primärversorgungszentrum als Pilotprojekt bereits 2015 in Wien Mariahilf. 2017 wurde dann das Primärversorgungsgesetz verabschiedet.  Zunächst ging es eher schleppend voran. Erst die EU-Förderung für PVE-Gründungen Ende 2021 wirkte als Turbo, sodass es mittlerweile 100 PVE in Österreich gibt; allein in Wien 24 AM-PVE und 9 Kinder-PVE. Derartige Zentren wie auch allgemeinmedizinische PVE können als Primärversorgungszentrum (PVZ) oder Primärversorgungsnetzwerk (PVN) in ihrer Organisationsform betrieben werden.

Die Wiener PVE versorgen bereits ein Zehntel der Wiener Bevölkerung und sind somit versorgungsrelevant und kompensieren den Schwund an Einzelordinationen aufgrund von Pensionierungen und fehlender Nachbesetzungen.

Generell bergen Gründung und das Betreiben einer PVE nicht nur Vorteile für Patient:innen, sondern auch für Ärzt:innen. Patient:innen profitieren von Öffnungszeiten von mindestens 50 Stunden; teilweise öffnen Zentren auch samstags. Weiters gibt es ein erweitertes Angebot, wie Psychotherapie, Diätologie, Sozialarbeit und diplomierte Pflege mit Wundversorgung. Das alles wird als multidisziplinärer Zusammenschluss als Kassenleistung angeboten. Darüber hinaus sind PVEs regelhaft an die Substitutionsmedizin und an das Programm „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ angebunden. Es müssen Patientenfortbildungen und natürlich klassische Hausbesuche in Form von Visiten angeboten werden.

Den Ärzt:innen bieten die PVE die Möglichkeit im interdisziplinären multiprofessionellen aber auch multikollegialen Team zu arbeiten. Der dadurch entstehende fachliche Austausch ermöglicht stets eine therapeutische Patient:innenbegleitung nach dem neuesten medizinischen Standard. Außerdem fällt das Einzelkämpfertum. Durch Anwesenheit mehrerer Kolleg:innen bestehen Möglichkeiten Urlaube, Krankenstände und natürlich Fortbildungen zu ermöglichen ohne Unterbrechungen des Ordinationsbetriebes zu riskieren.

Eine wichtige Aufgabe des niedergelassenen allgemeinmedizinischen Bereichs ist es, gezielte Zuweisungen und damit die Steuerung von Patientenströmen zu leisten. Meine langjährige Erfahrung als Anästhesist ist auch hier im Rahmen der Multidisziplinarität des PVEs und meiner Schlüsselrolle in der präoperativen Diagnostik von großem Vorteil. 

Enge Kooperationen mit der Chirurgie

Das PVE Oberdöbling unterhält exzellente Kooperationen mit chirurgischen Spitalsambulanzen, vor allem zur Chirurgie des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern, in dem ich auch früher tätig war. Vor allem im Bereich der Wundversorgung, der in unserem PVE durch drei DGKP abgedeckt wird, besteht eine enge Kooperation zu Wundzentren und Ambulanzen. Auch viele andere chirurgische Krankheitsbilder, allen voran Patient:innen mit Appendizitis aber auch mit Hernien, Gallenkoliken, Pankreatitiden, werden auch manchmal primär in der allgemeinmedizinischen Ordination vorstellig. Diese werden nach vorhergehender Abklärung zur weiteren Behandlung überwiesen. In den meisten PVE wie in unserem ist es möglich ein zertifiziertes Vorort-Labor für Patient:innen mit akuten Beschwerden anzubieten, welches binnen 5 Minuten Blutbild, Differentialblutbild, CRP, D-Dimer oder Troponin T bestimmbar macht. Sehr viele PVE verfügen auch über orientierende Sonografie und Mitarbeiter:innen mit dementsprechender Ausbildung.

PVE setzen bereits jetzt Telemedizin ein, meist ist zumindest eine Ordinationsassistenz nur am Telefon und nimmt Rezeptanforderungen oder Wünsche nach Verordnungen und Überweisungen entgegen; es besteht auch stets die Möglichkeit mit Ärzt:innen direkt zu telefonieren. Vieles kann telefonisch geklärt werden mit E-Medikation, ansonsten werden Visiten vereinbart. PVE haben aufgrund des größeren Ärzteteams die Möglichkeit täglich Visiten anzubieten und decken damit die Zeit (Montag bis Freitag 7 bis 19 Uhr) ab, wo der Wiener Ärztefunkdienst nicht erreichbar ist. Somit ist in Wien eine lückenlose allgemeinmedizinische Versorgung mit telefonärztlicher Beratung und Visiten gewährleistet.

Die gesamte präoperative Labordiagnostik wie auch allgemeinmedizinische Freigaben werden in einem PVE angeboten. Für weitergehende präoperative Diagnostik, wie Röntgen oder Herzechokardiografie, wird überwiesen und der Befund in der Freigabe berücksichtigt. Hier können Spitalsambulanzen deutlich entlastet werden. Die OP-Freigaben entsprechen hierbei den üblichen Standards von Präanästhesieprotokollen in Präanästhesieambulanzen.

Aufgrund der Umstellung auf die Facharztausbildung für Allgemein- und Familienmedizin beträgt die verpflichtende Lehrpraxiszeit bereits neun Monate und wird ab 2027 sogar auf zwölf Monate erhöht. PVE haben bis zu drei Lehrpraxisstellen und sind somit auch ausbildungsrelevant. In ihrem letzten Ausbildungsjahr können angehende Fachärzt:innen für Allgemeinmedizin dort den Ordinationsalltag und dessen Management erlernen. Viele PVE übernehmen auch regelmäßig Famulant:innen und KPJ-Student:innen. In meiner Funktion als Leiter des Referats PVE der Ärztekammer für Wien versuche ich, mit meinem Team Neugründungen von PVE zu unterstützen.

Wir bieten regelmäßig ein PVE-Business-Breakfast mit Vernetzungsmöglichkeiten sowie Gründungs-Workshops an. Sogar eine Partnerbörse für Kolleg:innen, die Gleichgesinnte für eine PVE-Gründung suchen, steht zur Verfügung. Ich moderiere außerdem regelmäßig Qualitätszirkel für unsere wachsende PVE-Community in Wien.

Primärversorgung als Zukunftsmodell

Zusammenfassend kann ich festhalten, dass PVE in Österreich zunehmend an Bedeutung gewinnt. Gerade junge Ärzt:innen schätzen die Teamarbeit, und die Patient:innen profitieren von den Öffnungszeiten und dem erweiterten Angebot. Es gibt vielseitige Kooperationen mit der Chirurgie, sei es im ambulanten, stationären oder niedergelassenen Bereich.

Über den Author

MR Dr. Ernest Zulus, MBA

MR Dr. Ernest Zulus, MBA ist Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin sowie für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Nach rund 30 Jahren Spitalstätigkeit ist er Mitgründer und ärztlicher Leiter des Primärversorgungszentrums Oberdöbling in Wien. Er engagiert sich als Leiter des Referats Primärversorgung der Ärztekammer für Wien und fördert aktiv die Weiterentwicklung moderner Primärversorgung.

Weiterführende Informationen

  • Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK): Zentrales Ministerium für gesundheitspolitische Rahmenbedingungen in Österreich. Hier finden sich Informationen zu gesetzlichen Grundlagen, Strategien und Programmen rund um Primärversorgung, Gesundheitsreformen und Versorgungsstrukturen.
  • Österreichischer Strukturplan Gesundheit (ÖSG): Der Österreichische Strukturplan Gesundheit bildet die planerische Grundlage für die Gesundheitsversorgung in allen Bundesländern. Er definiert unter anderem die Rolle und Zielsetzung von Primärversorgungseinheiten im österreichischen Gesundheitssystem.
  • Gesundheit Österreich GmbH (GÖG): Die Gesundheit Österreich GmbH ist die zentrale nationale Forschungs- und Planungsinstitution im Gesundheitswesen. Sie begleitet den Ausbau der Primärversorgung wissenschaftlich, erstellt Analysen und stellt Hintergrundinformationen zu PVE/PVZ bereit.
  • Primärversorgung Österreich: Offizielle Informationsplattform zur Primärversorgung in Österreich. Hier finden sich Grundlagen zu Organisationsformen (PVZ, PVN), Förderungen, Qualitätskriterien sowie eine Übersicht bestehender Primärversorgungseinheiten – auch nach Bundesländern.
  • Ärztekammer für Wien – Primärversorgung: Die Ärztekammer für Wien bietet spezifische Informationen, Beratung und Unterstützungsangebote für Ärzt:innen im Bereich Primärversorgung. Besonders relevant für Neugründungen, Lehrpraxen und regionale Vernetzung innerhalb Wiens.
  • Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK): Die Österreichische Gesundheitskasse ist zentrale Vertragspartnerin für Primärversorgungseinheiten. Auf der Website finden sich Informationen zu Kassenleistungen, Verträgen, Versorgungsangeboten und regionalen Zuständigkeiten in den Bundesländern.

Kontakt

MR Dr. Ernest Zulus, MBA

FA für Allgemein- und Familienmedizin
FA für Anästhesiologie und Intensivmedizin
PVZ Oberdöbling
1190 Wien, Krottenbachstraße 66
zulus@pvz-19.at

 

WP EB 3

Zitierung:

Zulus, Ernest: Primärversorgungszentren: Einfluss auf die Chirurgie
(In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 02/26, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2026)


Diese Publikation steht hier zum Download bereit.


Veröffentlicht in GI-Mail 02/2026 (Deutsche Ausgabe).

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