von Isabella Solano Henao.
Die Unterassistenzarztzeit stellt für Medizinstudierende einen entscheidenden Übergang zwischen theoretischer Ausbildung und ärztlicher Realität dar.
Für mich war diese Phase besonders prägend, da ich sie in einem Umfeld absolvierte, das sowohl medizinisch als auch geografisch besondere Anforderungen stellte. Meine Unterassistenzarztzeit in der Inneren Medizin am Spital Thusis, einem Regionalspital im Kanton Graubünden, ermöglichte mir einen tiefen Einblick in die praktische ärztliche Tätigkeit und bot mir gleichzeitig die Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen und mich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln.
Vorbereitung und Organisation
Obwohl ich Schweizerin bin, gilt eine Unterassistenzarztstelle im Schweizer Gesundheitssystem für Studierende aus Österreich formal als Auslandsaufenthalt. Gerade dieser Umstand machte den Einsatz für mich besonders reizvoll. Zwar kannte ich Land, Kultur und Sprache, nicht jedoch die konkreten Abläufe und Strukturen des Schweizer Spitalalltags. Meine Motivation bestand daher darin, ein mir vertrautes Umfeld aus einer neuen beruflichen Perspektive kennenzulernen und zugleich meine klinischen Fähigkeiten unter realen Bedingungen zu vertiefen.
Bereits vor Beginn meiner Unterassistenzarztzeit hatte ich eine klare Vorstellung davon, was ich mir von diesem Ausbildungsabschnitt erhoffte. Ich wollte nicht nur beobachten, sondern aktiv mitarbeiten, eigene Patientinnen und Patienten betreuen und klinische Entscheidungen mittragen. Besonders interessierte mich die Tätigkeit in einem kleineren Regionalspital, da das medizinische Spektrum hier häufig sehr breit ist und internistische, chirurgische sowie notfallmedizinische Fragestellungen eng miteinander verknüpft sind. Zudem reizte mich die Arbeit in einer alpinen Region, da mir bewusst war, dass sich die geografischen Gegebenheiten unmittelbar auf das Patientengut und den klinischen Alltag auswirken.
Die Bewerbung für die Unterassistenzarztstelle erfolgte direkt über die Webseite des Spitals Thusis, auf den Informationen zu offenen Unterassistenzstellen, Bewerbungsmodalitäten sowie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern übersichtlich dargestellt waren. Die Kontaktaufnahme gestaltete sich unkompliziert und transparent. Nach der Übermittlung meines Lebenslaufs, eines Motivationsschreibens sowie eines aktuellen Studiennachweises erhielt ich zeitnah eine Rückmeldung. Besonders positiv empfand ich die persönliche Kommunikation sowie die klare Information zu Arbeitszeiten, Aufgabenbereichen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Eine besondere Herausforderung stellte die langfristige Planung dar, da Unterassistenzarztstellen in der Schweiz häufig frühzeitig vergeben werden. Rückblickend lässt sich jedoch festhalten, dass sich eine frühzeitige und strukturierte Bewerbung in jedem Fall lohnt.
Einblicke in den Alltag und Arbeitsbedingungen
Vom ersten Arbeitstag an war ich vollständig in das Team der Inneren Medizin integriert. Unterassistentinnen und Unterassistenten wurden nicht als reine Hospitierende betrachtet, sondern als aktive Mitglieder des ärztlichen Teams. Die Hierarchien waren flach, der Umgang respektvoll und kollegial. Fragen waren jederzeit willkommen, und es wurde großer Wert auf die Förderung klinischen Denkens gelegt. Besonders schätzte ich, dass mir früh eigenständige Aufgaben übertragen wurden, wobei jederzeit eine ärztliche Ansprechperson erreichbar war.
Ein zentraler Bestandteil meiner Tätigkeit war die eigenständige Betreuung eigener Patientinnen und Patienten auf der internistischen Bettenstation. Ich begleitete sie vom Eintritt bis zur Entlassung, führte Anamnesen und klinische Untersuchungen durch, plante diagnostische und therapeutische Maßnahmen und präsentierte meine Fälle im Rahmen der täglichen Visiten. Darüber hinaus verfasste ich Eintritts-, Verlaufs- und Austrittsberichte, was mir einen umfassenden Einblick in die gesamte Behandlungskette ermöglichte. Diese kontinuierliche Betreuung vermittelte mir ein vertieftes Verständnis für Krankheitsverläufe und förderte mein Verantwortungsbewusstsein in besonderem Maße.
Besonders prägend waren die interdisziplinären Notfalldienste, die gemeinsam von der Inneren Medizin und der Chirurgie abgedeckt wurden. Während dieser Dienste arbeitete ich in hohem Maße selbstständig, führte die Erstbeurteilung von Notfallpatientinnen und -patienten eigenständig durch, ordnete die erforderliche Diagnostik an und leitete erste therapeutische Maßnahmen ein. Anschließend stellte ich die Fälle den diensthabenden Kaderärztinnen und -ärzten vor. Dieses Arbeiten auf Augenhöhe vermittelte mir das Gefühl, tatsächlich wie eine Assistenzärztin eingesetzt zu werden, und stellte einen erheblichen Lerngewinn dar.
Die geografische Lage des Spitals spiegelte sich deutlich im Notfallgeschehen wider. Aufgrund der alpinen Umgebung traten Unfälle im Zusammenhang mit Freizeit- und Bergsportaktivitäten häufig auf. Stürze beim Wandern oder Mountainbike-Unfälle gehörten zum klinischen Alltag. Ein wesentlicher Teil der Notfallarbeit bestand daher in der Wundversorgung, einschließlich Nähen, Klammern und fachgerechter Verbandstechniken. Diese praktische Tätigkeit ermöglichte es mir, meine manuellen Fähigkeiten deutlich zu verbessern und Routine in der Versorgung akuter Verletzungen zu entwickeln.
Der klinische Alltag fand überwiegend auf Schweizerdeutsch statt, was zu Beginn – insbesondere ohne Dialektkenntnisse – eine gewisse Umgewöhnung erforderte. Als Schweizerin hatte ich diesbezüglich keine Schwierigkeiten, und auch meine deutschen Kolleginnen und Kollegen konnten sich nach etwa zwei Wochen problemlos zurechtfinden. Bei Bedarf wurde jederzeit auf Hochdeutsch gewechselt. Insgesamt stellte die Sprache kein Hindernis für die klinische Arbeit dar.
Die täglichen Arbeitszeiten lagen im Durchschnitt bei acht bis zehn Stunden, wobei sich die Wochenarbeitszeit auf etwa fünfundvierzig bis fünfzig Stunden belief. Neben der regulären Stationsarbeit fanden regelmäßig interne Fortbildungen, Fallbesprechungen sowie interdisziplinäre Weiterbildungen statt, an denen Unterassistentinnen und Unterassistenten ausdrücklich teilnehmen sollten. Diese Fortbildungsangebote ermöglichten es mir, mein theoretisches Wissen gezielt zu vertiefen und klinische Fragestellungen gemeinsam im Team zu reflektieren.
Das Spital Thusis ist ein modern ausgestattetes Regionalspital mit internistischer Bettenstation, interdisziplinärer Notfallstation sowie zeitgemäßer diagnostischer Infrastruktur. Dazu zählen ein eigenes Labor, bildgebende Verfahren wie Röntgen und Computertomographie sowie konsiliarische Anbindungen an größere Zentren. Es handelt sich nicht um eine universitäre High-Tech-Klinik, sondern um ein Haus, in dem praxisnahe Medizin im Vordergrund steht. Gerade diese Struktur ermöglichte mir einen sehr direkten Zugang zur klinischen Arbeit und förderte eigenständiges ärztliches Handeln.
Das Patientengut war ausgesprochen vielfältig. Behandelt wurden sowohl ältere Patientinnen und Patienten mit chronischen internistischen Erkrankungen als auch jüngere Menschen mit akuten Krankheitsbildern. Soziale Unterschiede spielten im klinischen Alltag eine untergeordnete Rolle, da die medizinische Versorgung allen gleichermaßen zugänglich war. Besonders schätzte ich den engen Kontakt zu den Patientinnen und Patienten sowie die Möglichkeit, medizinische Zusammenhänge verständlich zu erklären und individuelle Therapieentscheidungen gemeinsam zu besprechen.
Formelles
Während meines Aufenthalts war ich über eine private Krankenversicherung abgesichert. Die berufliche Haftpflichtversicherung wurde vom Spital organisiert, was für die Tätigkeit als Unterassistenzärztin essenziell ist. Diese klare Regelung trug wesentlich dazu bei, dass ich mich auf meine medizinische Tätigkeit konzentrieren konnte, ohne organisatorische Unsicherheiten befürchten zu müssen.
Als Unterassistentin erhielt ich einen monatlichen Lohn von 1.500 Schweizer Franken. Damit konnte ich die laufenden Kosten meines Aufenthalts gerade noch decken; An- und Abreisekosten aus Wien sind hierbei nicht berücksichtigt.
Kostentabelle für 2 Monate
| Beschreibung | Kosten in CHF | |||
|---|---|---|---|---|
| Unterkunft/ Monat | 540 | |||
| Essen und Trinken/ Monat | 500 | |||
| Transport/ Monat | 100 | |||
| Freizeit/ Monat | 200 | |||
| Kosten pro Monat | 1340 | |||
| Gesamtkosten (2 Monate) | 2680 |
Die Kosten meines Aufenthalts setzten sich aus mehreren Faktoren zusammen. Für die Unterkunft wurde monatlich vom Lohn die Miete abgezogen, da ich in einer vom Spital vermittelten Wohnmöglichkeit untergebracht war. Die Ausgaben für Essen und Trinken setzten sich aus vorwiegend Einkäufe zusammen, da ich immer selbst gekocht hatte. Es gab das Angebot in der Mensa ein Tagesteller um 7 CHF zu kaufen. Da ich die Wochenenden nutzte, um viel unterwegs zu sein und meine Familie und Freunde zu sehen, fielen für öffentliche Verkehrsmittel Kosten an. Hierbei empfehle ich ein Schnupper Halbtax bei der SBB zu lösen, was für 2 Monate das Reisen um den halben Preis ermöglicht. Freizeitaktivitäten und Ausflüge in die umliegende Bergregion verursachten zusätzliche Kosten. Hinzu kamen einmalige Ausgaben für An- und Abreise sowie kleinere organisatorische Kosten.
Interessante Webseiten
Während der Organisation und Durchführung meines Aufenthalts waren verschiedene Institutionen und Informationsquellen von besonderer Bedeutung.
- Die Webseite des Spitals Thusis bot umfassende Informationen zu Unterassistenzstellen, Ausbildungsinhalten und organisatorischen Abläufen und stellte damit die zentrale Anlaufstelle für meine Bewerbung dar.
- Ergänzend informierte ich mich über die Foederatio Medicorum Helveticorum, den Schweizer Ärzteverband, um einen Überblick über das ärztliche Berufsbild und das Gesundheitssystem in der Schweiz zu erhalten.
- Für die Freizeitgestaltung nutzte ich regionale Tourismusportale, die wertvolle Hinweise zu Wanderungen, kulturellen Angeboten und regionalen Besonderheiten lieferten.
Reflexion und Fazit
Rückblickend war meine Unterassistenzarztzeit am Spital Thusis eine der prägendsten Erfahrungen meiner medizinischen Ausbildung. Insbesondere die frühe Übernahme von Verantwortung, die selbständige Tätigkeit im Notfalldienst sowie die kontinuierliche Betreuung eigener Patientinnen und Patienten haben mich sowohl fachlich als auch persönlich erheblich weitergebracht. Ich lernte, medizinische Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und mich sicher in einem interprofessionellen Team zu bewegen. Diese Erfahrung hat mein Verständnis für ärztliches Arbeiten nachhaltig geprägt und mich in meinem Wunsch bestärkt, auch künftig in einem Umfeld tätig zu sein, in dem Eigenständigkeit, Teamarbeit und Patientennähe im Mittelpunkt stehen.
Gerade die Kombination aus hoher fachlicher Verantwortung und gleichzeitig verlässlicher Supervision empfand ich als besonders lehrreich. Von Beginn an wurde ich als vollwertiges Mitglied des Teams wahrgenommen und entsprechend eingesetzt, was mein Selbstvertrauen im klinischen Alltag nachhaltig stärkte. Fehler durften offen angesprochen und reflektiert werden, Fragen waren jederzeit willkommen, und zugleich wurde mir zugetraut, eigenständig zu arbeiten sowie Entscheidungen vorzubereiten oder selbst zu treffen. Dieses Vertrauensverhältnis stellte für mich einen wesentlichen Unterschied zu vielen früheren Ausbildungsstationen dar.
Auch persönlich hat mich die Zeit in Thusis nachhaltig geprägt. Die Tätigkeit in einem Regionalspital in alpiner Umgebung zeigte mir, wie vielseitig und anspruchsvoll Medizin abseits großer Zentren sein kann. Die Nähe zu den Patientinnen und Patienten, das breite internistische Spektrum sowie die besonderen Herausforderungen der Bergregion erweiterten meinen Blick auf die ärztliche Tätigkeit. Rückblickend war diese Unterassistenzarztzeit nicht nur ein wichtiger Schritt in meiner medizinischen Ausbildung, sondern auch eine Erfahrung, die meine beruflichen Vorstellungen und Ziele nachhaltig beeinflusst hat.
Kontakt
Bei Fragen zu Isabella Solano Henaos Famulatur, oder bei Fragen an Isabella Solano Henao persönlich, wenden Sie sich direkt an die GI-Redaktion. Schreiben Sie uns ein E-Mail an: media@goinginternational.org
Haben Sie Fragen zu den Themen Arbeiten & Weiterbildung oder Jobsuche & Karriere? Dann schreiben Sie an Frau Mag. Seitz: office@goinginternational.org
Zitierung:
Isabella, Solano Henao: „Meine Unterassistenzarztzeit in der Inneren Medizin am Spital Thusis (Schweiz) – Zwischen Bergnotfällen und Visitenalltag“ (In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 2026, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2026)
Diese Publikation steht hier zum Download bereit.
Wird veröffentlicht in GI-Mail 2026 (Deutsche Ausgabe).
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