Meine Arbeit als Persönlicher Assistent

von Benno Lickefett.

Konzept der persönlichen Assistenz

Das Kernprinzip der persönlichen Assistenz ist die Förderung der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen. Dies bedeutet, dass sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben und ihre Entscheidungen haben sollten. Dabei zielt die persönliche Assistenz darauf ab, die soziale Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft zu fördern. Sie sollen die gleichen Chancen und Rechte haben wie jede/r andere BürgerIn. Im Gegensatz dazu steht die Betreuung, bei der die BetreuerInnen die Kontrolle über das Leben der Menschen mit Behinderung ausüben, indem sie beispielweise die Zeiten für Aufstehen, Essen, usw. bestimmen oder über Freizeitaktivitäten entscheiden

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Arbeitsassistenz vs. Freizeitassistenz

Im Bereich der persönlichen Assistenz lassen sich Arbeitsassistenz und Freizeitassistenz unterscheiden. Wie die Namen schon verraten, geht es im Rahmen der Arbeitsassistenz darum, die Klientin oder den Klienten an seinem oder ihren Arbeitsplatz zu unterstützen. Das können direkt die Arbeit betreffende Aufgaben wie Schreiben, Telefonate führen oder Botengänge  aber auch indirekte Aufgaben wie Toilettengänge oder Assistenz beim Essen sein. Im Gegensatz dazu betrifft die Freizeitassistenz alles, was außerhalb des Arbeitsplatzes passiert. Das fängt bei der Essenszubereitung an, geht über die Körperpflege bis hin zu Ausflügen.

Voraussetzungen des/der persönlichen Assistenz

Wirkliche Voraussetzungen im Sinne von Abschlüssen oder einer zertifizierten Ausbildung gibt es für das Berufsbild des/der persönlichen AssistentIn nicht. Sicher schadet es keinesfalls, zuvor Erfahrungen im Gesundheitsbereich gesammelt zu haben, notwendig ist das allerdings nicht. Während ich zuvor schon als Zivildiener im Rettungsdienst gearbeitet habe, so war es doch für manche meiner MitassistentInnen der erste Kontakt zur Arbeit mit Menschen. Was man aber auf jeden Fall mitbringen sollte, wenn man plant, sich als persönliche/r AssistentIn zu bewerben, sind Empathie und Geduld. Außerdem sollte man sich darauf einstellen, dass man, zu Beginn eine steile Lernkurve hat, insbesondere eines die erste Tätigkeit im Gesundheitsbereich ist. Wenn So musste ich zum Beispiel die Grundzüge der Körperpflege erlernen und darüber hinaus quasi eine „neue Sprache“ lernen., weil mein „Klient“ aufgrund seiner starken Cerebralparese passive Einschränkungen in der Artikulation hat.

Motivation

Ihr werdet euch vielleicht fragen, warum ich einen Arbeitsbericht auf einem Blog, der in erster Linie über die Erfahrungen auf internationalen Austauschen berichtet, verfasse. Leider ist es momentan sehr schwer, für AssistenzgeberInnen neue Mitarbeitende zu finden. Da diese aber für viele Menschen essenziell wichtig sind, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Deshalb wurde mir dankenswerterweise von GI erlaubt ihre Reichweite zu nutzen, um einen Arbeitsbericht zu verfassen in der Hoffnung, Aufmerksamkeit für diesen Nebenjob zu bekommen Des Weiteren gibt die persönliche Assistenz vor allem uns Medizinstudierenden eine Vielzahl an neuen Einblicken in Bereiche, die zu Beginn des Studiums leider zu kurz kommen. So wurden bei mir durch meine Arbeit viele Berührungsängste abgebaut und meine Softskills sich deutlich verbessert haben. Natürlich darf auch der Aspekt der Studienfinanzierung (beziehungsweise des studentischen Lebens) nicht fehlen, wobei ich denke, dass die persönliche Assistenz aufgrund der Arbeitszeiten einer der am besten mit dem Studium zu vereinbarenden Jobs ist.

Bewerbung

Da die persönliche Assistenz in Österreich zu den Aufgaben der Länder gehört, kann es in den verschiedenen Städten und Ländern unterschiedliche Zugänge zur persönlichen Assistenz geben. Da ich in Wien studiert und gewohnt habe, habe ich mich auch dort nach einem Job umgesehen. Die genauen Details zum Organisatorischen treffen deshalb nur auf die Stadt Wien zu, die Arbeit als persönliche/r AssistentIn und die damit verbundenen Aufgaben gleichen sich in den verschiedenen Bundesländern sehr stark.

Grundsätzlich gibt es in Wien zwei Arten, sich für die Arbeit als persönliche/r AssistentIn zu bewerben: Man kann sich über die Wiener Assistentengemeinschaft (WAG) anstellen lassen, oder sich als Freie/r DienstnehmerIn direkt auf Stellenanzeigen bewerben, die unter anderem auf Facebook oder auf diversen österreichischen Jobportalen gelistet werden. Ich habe mich vor sechs Jahren als Neuankömmling in Wien direkt bei der Person und nicht über die WAG beworben. Bei der Bewerbung kommt es nicht darauf an, ob man Vorerfahrungen im Bereich der persönlichen Assistenz oder Pflege hat, das benötigte Wissen lernt man sehr schnell und kann sich, je nach Behinderung der Klientin oder des Klienten sehr stark unterscheiden. Da es die Arbeit als persönliche/r AssistentIn allerdings in den meisten Fällen erfordert, dass man sich im Rahmen von Aufgaben wie der Körperpflege sehr nahekommt, ist es sinnvoll, wenn man zur Bewerbung nicht nur einen Lebenslauf schickt, sondern auch in einer Art Motivationsschreiben, in dem man über sich selbst schreibt und berichtetüber euch erzählt. Zumindest bei meiner Bewerbung war es damals ausschlaggebend, dass ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde.

Warum ich mich beworben habe

Meine Motivation mich als persönlicher Assistent zu bewerben, bestand vor allem darin, dass ich zur Finanzierung meines Studiums eine Arbeit benötigt habe. Die persönliche Assistenz hat dabei sehr gut zu meinen Anforderungen gepasst, da diese auch in der Nacht und am Wochenende stattfindet. Somit hat sie mir erlaubt mein Studium und meine Arbeit zeitlich sehr gut zu vereinbaren, da ich in der Freitagnacht/Samstagmorgen Schicht gearbeitet habe (die Arbeitszeiten können sich natürlich je nach KlientIn stark unterscheiden). In diesem Job bin ich dann geblieben, weil ich das Konzept der persönlichen Assistenz sehr unterstützenswert finde. Natürlich baut man zu den jeweiligen Klientinnen eine persönliche Beziehung auf, wenn dies gut passt, dann ist das eine sehr positive und ansprechende Job-Situation.

Meine Aufgaben als persönlicher Assistent

Wie schon in den vorherigen Absätzen ersichtlich, ist das Aufgabengebiet einer Assistentin oder eines Assistenten sehr variabel und stark von der Art und dem Grad der Behinderung des Menschen abhängig. Da mein Klient seit seiner Geburt eine starke Cerebralparese hat, ist der Grad seiner körperlichen Einschränkungen hoch. Zu meinen täglichen Aufgaben gehörte die umfassende Betreuung, einschließlich Körperpflege (vom Zähneputzen bis zum Baden), Unterstützung bei Toilettengängen, das sichere Positionieren beim Umsetzen aus dem Bett in den Rollstuhl oder beim Ein- und Aussteigen aus dem Auto sowie die Zubereitung von Mahlzeiten sowie Hilfe beim Essen., Ich half auch bei Telefongesprächen aufgrund von den bestehenden Sprachproblemen und kümmerte mich um die Sauberkeit der Wohnung. Weiters habe ich meinen Klienten zum E-Rolli-Fußball und einmal jährlich in den Urlaub begleiten dürfen.

Bezahlung

Das Gehalt kann je nachdem, ob man Teil der WAG ist oder ob man direkt bei einer/m KlientIn angestellt ist variieren. Während die Wiener Assistentengemeinschaft (WAG) nach dem Tarif  der Sozialwirtschaft Österreich  (SWÖ-Tarif) bezahlt, so ist das Gehalt, wenn man direkt von einer Person angestellt  is, unterschiedlich, beziehungsweise ist Teil einer Verhandlungen mit privaten Arbeitgeber (d. h.das Gehalt verhandelt man vor der Einstellung, man sollte sich vorab gut informieren)  Aus eigener Erfahrung starten Stundenlöhne am Tage bei ungefähr EUR 15 und in der Nacht für Ruhezeiten bei ungefähr EUR 10.

Vorteile der Arbeit als persönliche/r AssistentIn

Für mich hatte die Arbeit als persönlicher Assistent sehr viele schöne Seiten und Vorteile. Dies liegt auch darin begründet, dass mein Klient und ich uns wirklich gut verstanden haben und zu Ende meiner Arbeit eine enge Beziehung aufgebaut hatten, die als Freundschaft auch über mein Arbeitsende hinaus bestehen wird. Zu den größten Vorteilen zählt, dass man neben seinem, manchmal doch sehr theoretischen Studium, einen „praktischen Teil“ dazu bekommt, der einem viel Erfahrungen über Empathie und Geduld gibt. Außerdem bekommt man Einblicke in andere Seiten des Lebens, die zumindest mir davor verschlossen waren. Weitere Vorteile sind die sehr flexibel einteilbare Arbeitszeit, die bei mir vor allem über Nacht stattgefunden hat und das, für eine ungelernte Arbeit doch recht hohe Gehalt.

Gibt es Nachteile einer Arbeit als persönliche/r AssistentIn?

Wirkliche Nachteile der Arbeit als Assistent gab es für mich nicht. Ich arbeitete ja im Freien Dienstnehmermodell, das bedeutet einerseits Flexibilität und Freiheit in der Planung; es bedeutet aber auch die Übernahme der Verantwortung – die Kontinuität Versorgung zu gewährleisten. Manchmal war es dann schon ein bisschen kompliziert einen Ersatz zu finden. Auch bedingt durch das Studium konnte es zu kurzfristigen Ausfällen meinerseits kommen – wo ich das Ersatzmanagement leisten musste um eine geeignete qualifizierte Person als „EinspringerIn“ Springer/in zu stellen

, Wobei es bei mir, aufgrund des guten Zusammenhaltes unter den AssistentInnen immer jemanden gab, der auch kurzfristig einspringen konnte. Auch kann die Nähe, die man zwangsläufig zu einer anderen Person aufbauen muss, manchmal sehr beanspruchend werden oder sogar überfordern und persönliche Grenzen überschreiten. Das ist allerdings sehr stark davon abhängig, für wen man arbeitet und wie gut man sich persönlich versteht und wie gut man sich abgrenzen kann.

Fazit

Nach meinen fünf Jahren als persönliche Assistenz kann ich die Arbeit nur empfehlen und Interessierten ans Herz legen. Die Assistenzarbeit ermöglicht nicht nur die gute Vereinbarkeit von Studium und Beruf, sondern ermöglicht auch Einblicke in Teile des Lebens, die einem sonst verschlossen bleiben würden.

Finanzielles

Wochenarbeitszeitflexibel (meine Wochenarbeitszeit hat 15h betragen, aber in meinem Kollegium war von 8-30h pro Woche alles möglich)
ArbeitszeitenFlexibel nach Absprache, auch über Nacht und am Wochenende möglich (ich habe von Freitag abends 22 Uhr bis Samstag 13 Uhr gearbeitet, wobei die „Nachtarbeit“ für mich kein Problem war, da ich nie öfters als ein bis zwei Mal aufstehen mussten und dafür auch geweckt wurde, sprich schlafen konnte)
GehaltEinstiegsgehalt brutto ca. 15€ am Tag und 10€ während der Nachtruhe, bei der WAG nach SWÖ-Tarif (ich habe damals für 15h/Woche ca. 900€ brutto bekommen, wovon ca 150€ Sozialabgaben waren, Steuern waren aufgrund des Freibetrags von 12.000/Jahr für mich nicht zu zahlen)
SozialversicherungWenn geringfügig: 70 € pauschal pro Monat
Falls oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze: ca. 18% des Bruttogehaltes

Websites

https://www.wag.or.at
Bietet Assistenzjobs als Arbeitgeber in Wien und Umgebung an, viele Hintergrundinformationen zum Beruf der persönlichen Assistentin oder des persönlichen Assistenten

https://www.sozialministeriumservice.at/Ueber_uns/News_und_Veranstaltungen/News/PAA_Richtlinie.de.html
Offizielle Hintergrundinformationen des österreichischen Sozialministeriums zur persönlichen Assistenz

https://www.fsw.at/downloads/broschueren/behinderung/persoenliche-assistenz-pflegeergaenzungsleistung-pge.pdf
Flyer des Fonds Soziales Wien über die persönliche Assistenz in Wien

https://www.bizeps.or.at/bizeps/
Informationen über die Geschichte des selbstbestimmten Lebens von Behinderten

Kontakt

Bei Fragen zu Benno Lickefetts Famulatur, oder bei Fragen an Benno Lickefett persönlich, wenden Sie sich direkt an die GI-Redaktion. Schreiben Sie uns ein E-Mail an: media@goinginternational.org

Haben Sie Fragen zu den Themen Arbeiten & Weiterbildung oder Jobsuche & Karriere? Dann schreiben Sie an Frau Mag. Seitz: office@goinginternational.org

Zitierung:

Lickefett, Benno: Meine Arbeit als Persönlicher Assistent (In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 04/24, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2024)


Diese Publikation steht hier zum Download bereit.


Veröffentlicht in GI-Mail 04/2024 (Deutsche Ausgabe).

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