Mein Erasmus in Rennes, Frankreich

von Lena Koller.

Warum ein Semester in Frankreich?

Lena Koller Medizinische Universität Wien, Österreich

Ich habe das 5. Jahr meines Medizinstudiums in Rennes, Frankreich verbracht und empfehle jeder Person, die die Möglichkeit dazu hat, dasselbe zu tun.

Bereits im Gymnasium habe ich ein Auslandssemester in Kanada verbracht. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Dementsprechend wollte ich diese Erfahrung, eine gewisse Zeit im Ausland zu leben und dort zu lernen, nochmals machen. Frankreich habe ich gewählt, da ich gehört hatte, dass die Lehre dort sehr gut sein sollte und weil ich meine Französisch Kenntnisse vertiefen wollte.

Bewerbung und Anmeldung

Im November 2018, also ungefähr 11 Monate vor dem Start des Aufenthaltes, habe ich mich über das Erasmus Programm der Medizinischen Universität Wien (MUW) für einen Platz an der Université de Rennes beworben. Die Anmeldung war zu der Zeit etwas chaotisch, da die MUW die Kooperationen mit den ausländischen Universitäten umstrukturierte und daher nicht ganz klar war, ob ich alle Fächer, die von der MUW vorgegeben waren (HNO, Augenheilkunde, Neurologie, Gynäkologie, Pädiatrie, Psychiatrie und Notfall) in Rennes machen können würde. Nach einigen Telefonaten habe ich dann zum Glück die Zusage bekommen, alle Fächer ohne Probleme absolvieren zu können und im September 2019 begann mein Aufenthalt in Rennes.  

Unterkunft

Gewohnt habe ich in einem kleinen Zimmer in einem Studierendenheim, welches ich schon in Wien über die Universität in Rennes reservieren konnte. Dies war sehr hilfreich, da die Wohnungssuche in Rennes, wie in den meisten Städten, nicht einfach war. Die Unterkunft war, wie es in Studierendenheimen üblich ist, sehr klein, aber ich hatte alles was ich brauchte und es war vergleichsweise billig. Außerdem hatte ich dort die Gelegenheit viele neue Leute, vor allem auch internationale Studierende kennenzulernen. Mit einigen davon bin ich heute noch befreundet.

Tätigkeit und Arbeitsbedingungen

Die Arbeit im Krankenhaus war sehr spannend und fordernd. In Frankreich ist es üblich, dass Studierende eigenständig (natürlich unter Supervision) PatientInnen betreuen. Dementsprechend wurde auch von mir erwartet, dass ich Untersuchungen durchführte, Erkrankungen diagnostizierte und Therapievorschläge abgab. Verantwortung in diesem Ausmaß zu übernehmen und so sehr in den Ablauf eingebunden zu sein, war für mich auf jeden Fall neu, aber ich habe dadurch äußerst viel gelernt und die Arbeit war sehr interessant!

Die Arbeitszeiten gestalteten sich, je nach zugeteilter Station, sehr unterschiedlich. Meistens hatte ich 3 Wochen „on“ und eine Woche „off“. In den „on“-Wochen war ich von 8:00 Uhr bis 16:00 Uhr oder manchmal auch regulär bis 18:00 Uhr im Krankenhaus. Die off-Wochen waren frei und ließen sich gut für kleine Reisen nutzen. Zusätzlich gab es drei Mal die Woche Vorlesungen, die sich aber teilweise mit den Arbeitszeiten überschnitten, weswegen ich sie nicht regelmäßig besuchen konnte. Auf den Stationen gab es leider keine Fortbildungen.  Allerdings erklärten die ÄrztInnen immer sehr viel und teilweise war ich sogar einer Ärztin zugeteilt, die dann als meine Mentorin zuständig war mich in ihren Arbeitsalltag mitzunehmen und mir Krankheitsbilder etc. zu erklären. Dementsprechend war die Lehre trotz weniger Fortbildungen sehr gut und umfassend.

Sehr positiv aufgefallen ist mir außerdem, dass die Hierarchie deutlich flacher und die Stimmung auf den Stationen viel entspannter und lustiger ist als in Österreich. Die Pflege hat in Frankreich ein viel breiteres Aufgabengebiet und übernimmt einige Tätigkeiten, die in Österreich Aufgabe der Ärztinnen sind. Das entlastet die Ärztinnen und die Studierenden sehr, wodurch der Arbeitsalltag weniger stressig und mehr Zeit für Lehre ist. Von den Studierenden wird viel Wissen und Engagement erwartet, somit wird ihre Position deutlich mehr wertgeschätzt und das Verhältnis zwischen allen Angestellten ist sehr freundschaftlich.

Concours

In Frankreich entscheidet die letzte Prüfung des Medizinstudiums darüber, in welchem Fachgebiet die JungärztInnen ihre Ausbildung machen können. Diese Prüfung wird im ganzen Land, standardisiert abgehalten und die AbsolventInnen werden dann je nach erreichter Punktezahl gereiht. Entsprechend ihrer Platzierung können sich die JungärztInnen dann für Stellen anmelden. Das heißt, dass jene mit hohen Punktezahlen freie Wahl bezüglich Fachrichtung & Ausbildungsort haben und jene, die bei der Prüfung nicht so gut abgeschnitten haben, nehmen müssen, was übriggeblieben ist. Dieses System wurde vielfach kritisiert und eine mögliche Abschaffung diskutiert. Zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes war diese aber noch die Norm.

Dementsprechend lernten die französischen Studierenden sehr diszipliniert und verbrachten viel Zeit hinter ihren Büchern. Dennoch waren sie sehr offen gegenüber uns Austauschstudierenden, integrierten uns gut und unternahmen viel mit uns.

© Koller, Lena: Wochenendtrip nach Bordeaux

Sprache

Die französische Sprache war anfangs eine Herausforderung für mich. Ich habe zwar 4 Jahre lang Französisch in der Schule gelernt und vor meinem Aufenthalt das Wahlfach „Französisch für MedizinerInnen“ (das ich übrigens SEHR empfehlen kann) auf der MUW besucht, aber dennoch habe ich bei meiner Ankunft kaum einen geraden Satz herausgebracht. Doch entgegen aller Klischees waren die FranzosenInnen sehr freundlich und geduldig mit mir und mein Französisch verbesserte sich dementsprechend rasch. Nach nur 3 Wochen in Frankreich konnte ich mich nicht nur halbwegs gut unterhalten, sondern sogar schon PatientInnen alleine betreuen. Außerdem gab es die Möglichkeit einen kostenlosen Sprachkurs zu belegen, der zwei Mal pro Woche für 2,5 Stunden stattfand und von dem ich sehr profitierte.

Versicherung & Finanzen

Die Versicherung lief über das Erasmus Programm beziehungsweise über die MUW, denn die ÖH-Haftpflichtversicherung inkludiert Praktika in Frankreich, weswegen ich keine anderwärtige Versicherung abgeschlossen habe. Zusätzlich erhielt ich von der OEAD, die ein Teil des Erasmus Programms ist, eine Förderung von ungefähr EUR 400 im Monat. Außerdem kann jeder Studierende/r in Frankreich um eine Wohnbeihilfe von ca. EUR 80 pro Monat ansuchen. Dafür werden lediglich ein französisches Bankkonto, eine französische Telefonnummer und ein Mietnachweis benötigt. Jedoch sollte man diese Förderung unbedingt gleich zu Beginn beantragen, da sie rückwirkend nicht bezogen werden kann.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass alle wichtigen rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Angelegenheiten über das Erasmus-Programm liefen und auch die Anrechnung der Praktika schon im Vorhinein mit dem Büro für Internationale Angelegenheiten der MUW geklärt war, was das ganze Unterfangen erheblich erleichterte. Auch, als ich meinen Aufenthalt wegen der Covid-Pandemie früher abbrechen musste, da das österreichische Außenministerium alle sich in Frankreich befindenden Personen dazu aufgerufen hat, nach Österreich zurückzukehren, war die MUW sehr entgegenkommend und es gab keine Probleme mit der Fortsetzung des Studiums.

Fazit

Ich bin sehr froh das Auslandsjahr in Frankreich gemacht zu haben und habe sowohl medizinisch als auch sprachlich sowie menschlich sehr viel gelernt! Wie eingangs geschrieben, kann ich jeder Person nur ans Herz legen die Möglichkeit eines Erasmus-Aufenthaltes während des Studiums zu ergreifen.

Kosten

Flug bzw. ZugCa. EUR 200/Strecke
UnterkunftEUR 250/Monat
Metro-TicketEUR 25/Monat
LebensmittelEUR 400/Monat
Freizeitaktivitäten (inkl. Kleine Reisen übers Wochenende)EUR 300/Monat
Gesamt:Ca. EUR 1200/Monat

Interessante Websiten

MUW Erasmus Lernmobilitäten für Tertiale im 5. Studienjahr

Website des Internationalen Büros der Universität Rennes

Informationen der Verantwortlichen für Internationale Beziehungen (Vorwarnung: Mails werden hin & wieder übersehen, weswegen ich bei dringenden Anliegen eher anrufen würde – dabei sei aber vorgewarnt: das Gespräch wird auf Französisch sein.)

OUIGO  (auch als App verfügbar): für Zugverbindungen ins In- und Ausland

CAF: Website zur Wohnbeihilfe

Website zur OEAD, eine österreichische Agentur für die Umsetzung von Erasmus+

Kontakt

Bei Fragen zu Lena Kollers Erasmus, oder bei Fragen an Lena Koller persönlich, schreiben Sie ein E-Mail an: lena.koller.1505@gmail.com

Haben Sie Fragen zu den Themen Arbeiten & Weiterbildung oder Jobsuche & Karriere? Dann schreiben Sie an Frau Mag. Seitz: office@goinginternational.org

Zitierung:

Koller, Lena: Mein Erasmus in Rennes, Frankreich (In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 07/22, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2022)


Diese Publikation steht hier zum Download bereit.


Veröffentlicht in GI-Mail 06/2022 (Deutsche Ausgabe).

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