Going – Norwegen

18. Dezember 2013 at 17:49
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von Dr. med.univ. Katharina Bischof

Möglichkeiten für Ärzte in Norwegen
Ein Erfahrungsbericht über den Zeitraum von Februar 2011 bis Oktober 2013

Arbeiten im Ausland? – Eine Möglichkeit, die ich für mich bis zum Winter 2010 nicht erwogen hatte. Nach meiner Promotion an der Universität Wien im September 2007, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt über drei Jahre lang als Ärztin in Weiterbildung in Wien gearbeitet. Nach meiner Anfangszeit als sogenannte »Turnusärztin« an einer Privatklinik habe ich mich für das Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe entschieden, absolvierte die Gegenfächer und arbeitete dann als Assistenzärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Freude, in Wien eine volle Weiterbildungsstelle ergattert zu haben, überwog bei Weitem die Neugier auf andere Möglichkeiten.

Die Profession meines Lebensgefährten sah jedoch einen Umzug ins Ausland vor, und plötzlich lag ein für ihn sehr attraktives Angebot aus Norwegen auf dem Tisch.

Nachdem ich mich mit dem Gedanken im Ausland zu arbeiten mehr und mehr angefreundet hatte, setzte auch eine gewisse Abenteuerlust bei mir ein. Ich stellte mir ein Leben in Skandinavien zwar nicht annähernd so spannend vor wie beispielsweise in Südeuropa oder in den USA, war mir jedoch sicher, dass ein Umzug nach Norwegen sowohl meinen beruflichen als auch persönlichen Horizont erweitern würde. Nach mehreren informativen Gesprächen beim damaligen Auslandsbüro der Wiener Ärztekammer war das Auswandern für mich also beschlossene Sache, und damit war es Zeit für mich, die notwendigen Schritte zu planen.

Bergen_Panorama

Bergen Panorama

Anrechnung von Weiterbildungszeiten, Anerkennung der universitären Ausbildung sowie sprachliche Hürden:

Nach einiger Recherche fand ich heraus, welche bürokratischen Schritte für die Anrechnung meiner österreichischen Weiterbildungszeiten in Norwegen notwendig sein würden.

Die postpromotionelle Weiterbildung in Norwegen sieht einen 18 Monate dauernden Turnus vor, der sowohl in Krankenhäusern, an Abteilungen für Innere Medizin und Chirurgie, aber auch als »Distriktsturnus« in Arztpraxen in abgelegenen Tälern oder Inseln absolviert wird. Wer sich als Studienabgänger dafür bewerben will, kann hier fündig werden.

Dieser »Turnus« führt in Norwegen zur »Autorisasjon som lege« (entspricht unserer Approbation), welche die Voraussetzung für die Bewerbung als Assistenzärtin an einer Klinik oder für das Praktizieren als Allgemeinmedizinerin, gleichgesetzt einer Approbation, oder dem Österreichischen »Jus practicandi« ist. Da die Bedingungen geändert wurden, kann man als österreichischer Studienabgänger nun auch gleich direkt für die »Autorisasjon« ansuchen.

In meinem Fall kam nur eine Weiterbildungsstelle in Bergen an der norwegischen Westküste in Frage, nachdem mein Lebensgefährte bereits hier arbeitete und lebte. Daher bewarb ich mich an der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Haukeland Universitetssykehus in Bergen.

 

Norwegen-Flagge

Norwegen-Flagge

Arbeiten und Weiterbildung in Norwegen:

An der Universitäts-Frauenklinik in Bergen arbeite ich nun seit Februar 2011, die ersten zwei Monate unbezahlt als Hospitantin, um in sowohl den norwegischen Arbeitsalltag als auch die norwegische Sprache tiefer einzutauchen. Seit April 2011 bin ich am Haukeland Universitetssykehus als Assistenzärztin »Lege i spesialisering« angestellt.

Der Arbeitsalltag einer Ärztin in Weiterbildung in Norwegen ist in sehr vielen Aspekten anders als der in Österreich. Das Tätigkeitsprofil umfasst als junger Arzt lediglich ärztliche Aufgaben wie eigenständiges Arbeiten in Bestell- oder Notfallambulanzen oder auf Bettenstationen. Man muss darauf vorbereitet sein, dass Visiten, kleinere operative Eingriffe und Ähnliches vom Assistenzarzt bereits alleine gemacht werden (eventuell nach vorheriger Rücksprache mit Oberärzten).

Im Kreissaal und auch im operativen Bereich wird wesentlich mehr Wert darauf gelegt, dass der jeweilige Assistenzarzt Fortschritte in der Weiterbildung macht, weniger darauf, dass gewisse Systemerhaltertätigkeiten ausgeführt werden. Gerade das habe ich als großes Plus empfunden.

Ferner wird das Arbeiten nach sowohl nationalen und abteilungsspezifischen Richtlinien gefordert. Gleichzeitig hat man als Assistenzarzt durch diese Leitlinien eine literaturgestützte, objektive Vorgabe, wie in verschiedenen Fällen zu (be-)handeln und vorzugehen ist.

Arbeitszeit, Nachtdienste, Zeitausgleich:

An der Frauenklinik in Bergen sind vier Ärzte im Nachtdienst. Das Nachtdienstteam besteht aus einem jungen und einem älteren Assistenzarzt sowie einem erfahrenen Oberarzt anwesend im Haus und ferner einem weiteren Oberarzt in Rufbereitschaft. Schlafen im Nachtdienst, der im Durchschnitt 17 Stunden (16:00 bis 9:00) dauert, ist eine Ausnahme, nachdem in meinem Fall die Frauenklinik die gynäkologische/ geburtshilfliche Akutversorgung von großen Teilen Westnorwegens gewährleistet.

Auf neun Arbeitswochen folgt in meinem Fall eine Woche Zeitausgleich. Die im Arbeitsvertrag vorgegebenen Arbeitszeiten (40 Stunden pro Woche) werden grundsätzlich eingehalten und zusätzliche Nachtdienste, die durch Krankenstand anderer Kollegen oder Fortbildungen anfallen, werden gut bezahlt.

Versicherung, Gehalt, Steuer, Pensionsansprüche:

  • Der Arbeitgeber versichert den Angestellten über die staatliche Kranken- Unfall- und Pensionsversicherung. Alle diese Posten werden direkt vom Gehalt abgezogen und scheinen am Gehaltszettel auf.
    In Norwegen gibt es darüber hinaus keine gleichzeitigen privaten Krankenversicherungen als Zusatz- oder Upgrade-Versicherung. Das Resultat ist eine Ein-Klassen-Medizin mit wenigen Ausnahmen.
  • Das Gehalt ist an die relativ hohen Lebenserhaltungskosten in Norwegen angepasst. Das Jahres-Brutto-Gehalt beträgt für eine Assistenzärztin ca. 110.000 Euro, abhängig von zusätzlichen Nachtdiensten kann das Jahreseinkommen auch noch höher sein.
  • Die Lohnsteuer wird ebenfalls direkt vom Gehalt abgezogen. Wichtig ist, von Anfang an darauf zu achten, dass man in der richtigen Steuerklasse ist, um böse Überraschungen zu vermeiden. (Information einholen)
  • Die Pension: Wer länger als 3 Jahre in Norwegen lebt und von einem öffentlichen Arbeitgeber angestellt ist, hat einen aliquoten Pensionsanspruch in Norwegen. Daher ist es sinnvoll und wichtig, vor der Rückkehr in sein Heimatland, bei mir Österreich, alle Lohnzettel zu sammeln.

GOING – Home:

Vor der Rückkehr in sein Heimatland, bei mit Österreich, ist es unbedingt anzuraten, sich seine absolvierten Arbeits-, Weiterbildungszeiten und die ärztlichen Tätigkeiten, in einem chirurgischen Fachgebiet zum Beispiel mit einem OP-Katalog genau dokumentieren zu lassen.

Zusammenfassung

Ich habe die Entscheidung, einen Teil meiner Assistenzarztzeit in Norwegen zu absolvieren, nie bereut. Es ist zwar ein großer Schritt, der gut vorbereitet werden muss, aber er bietet große Chancen. Ich habe die Arztrolle aus einer gänzlich anderen Perspektive kennengelernt und mir wurde analytisches, evidenzbasiertes Arbeiten vermittelt. Ein großer Teil der praktizierenden Ärzte in Skandinavien kommt aus dem Ausland. Deshalb sind die norwegischen Kolleginnen und Kollegen und insbesondere die Patientinnen und Patienten meiner Erfahrung nach sehr offen und tolerant gegenüber Kolleginnen und Kollegen mit anfänglichen Sprachproblemen.

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Bergen_Winterstimmung

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Nützliche und wichtige Webseiten:



Der Erfahrungsbericht von Dr. med.univ. Katharina Bischof steht hier zum Download als PDF bereit.

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