Gesundheitskompetenz – Gesundheit und das Gesundheitssystem verstehen

14. Januar 2013 at 14:51

Ein Fachartikel von Bettina Ottendörfer und Werner Bencic

Hier finden Sie den Artikel als PDF-Datei.

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MMag. Bettina Ottendörfer, OÖ Gebietskrankenkasse, Linz, Österreich

Gesundheitskompetenz / Health Literacy bezeichnet die Fähigkeit der Menschen sich Zugang zu gesundheitsrelevanten Informationen zu verschaffen, diese zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um für sich die richtigen Entscheidungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung zu treffen [1]. Der aktuelle EU Health Literacy Survey, bei dem je 1.000 Menschen in acht EU-Ländern befragt wurden, zeigt, dass Österreich Nachholbedarf bei der Gesundheitskompetenz hat. So liegt der Anteil an Menschen mit mangelnder Gesundheitskompetenz in Österreich deutlich über dem EU-Durchschnitt (Ö: 16,7%; EU: 11,8%). Besonders betroffen durch niedrige Gesundheitskompetenz sind Risikogruppen wie alte Menschen und jene, die finanziell eingeschränkt sind.[2]

Die Verbesserung der Gesundheitskompetenz wurde in den kürzlich verabschiedeten österreichischen Rahmengesundheitszielen als ein wesentliches, bundesweites Ziel (Ziel 3 – „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken“) für die nächsten Jahre festgelegt[3]. Dieses Ziel ist besonders deshalb wichtig, da Gesundheitskompetenz eine wichtige Determinante für andere Ziele (wie Ernährung, Bewegung etc.) darstellt.

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Mag. Werner Bencic MPH, OÖ Gebietskrankenkasse, Linz, Österreich

Auf Landes- und Bundesebene sind bereits jetzt vereinzelte Aktivitäten zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz wahrnehmbar. Das Frauengesundheitszentrum Graz bietet zum Beispiel ein Programm namens „Evivo – gesund und aktiv mit chronischer Krankheit leben“ an. Hier lernen Frauen und Männer den Umgang mit chronischen Erkrankungen der eigenen Person oder einer Person im persönlichen Umfeld. Das Evivo Programm wurde in den USA an der Stanford University entwickelt und wird in Graz zusammen mit der Schweizer Careum Stiftung als Partner umgesetzt.[4]

Um die Zielgruppen adäquat erreichen zu können, bieten sich neben dem Einsatz neuer Medien verschiedene wissenschaftlich abgesicherte Methoden an. Besonders benachteiligte soziale Gruppen beispielsweise werden mit dem „Peer-Ansatz“ am ehesten zu erreichen sein. Dieser Ansatz zeigt, dass ein speziell geschulter Vertreter der anzusprechenden Gruppe („Peer Group“) mit größerer Erfolgsaussicht als ein Außenstehender versuchen kann, für die vorgesehenen Inhalte Akzeptanz bei den anderen Gruppenmitgliedern zu finden. Weiters kann mit Multiplikatoren gearbeitet werden. So ist auf effiziente Weise eine Zielgruppe besser zu erreichen als mit der „Kommunikations-Gießkanne“. Leiter oder Leiterinnen von Selbsthilfegruppen sind Beispiele für solche Multiplikatoren, die eine definierte Gruppe Kranker oder Angehöriger von Kranken gut ansprechen können.

Eine Gruppe, die bereits jetzt auf verschiedene Arten erreicht wird und an der sich viele Maßnahmen ausrichten, sind chronisch kranke Menschen. In den letzten Jahren ist vor allem Disease Management und Case Management im österreichischen Gesundheitswesen eingeführt worden. Diese bestehenden Aktivitäten liefern gute Ansatzpunkte, um die Gesundheitskompetenz der betroffenen Personen weiter als bisher zu fördern.

Zur Unterstützung der Gesundheitskompetenz sollte auch nicht darauf vergessen werden, Gesundheit und das Gesundheitssystem besser lesbar, besser verständlich zu machen. Dies reicht von übersichtlichen gesundheitsrelevanten Angaben auf Lebensmittelpackungen bis zu Leitsystemen in Gesundheitseinrichtungen, die auch von Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz verstanden werden können.

Inhaltlich gibt es ein Spektrum vielversprechender Ansätze, in dem sich sowohl ganz allgemeinen die Stärkung des Selbstbewusstseins der Patienten (um beispielsweise nachzufragen, wenn der Patient den Arzt nicht verstanden hat) findet, aber auch die Entwicklung der kritischen Nutzen-Risiko-Bewertung therapeutischer Verfahren durch die Betroffenen (Grundsätze evidenzbasierter Medizin, aufbereitet für den „Endverbraucher“).

Nichts für die Gesundheitskompetenz der Österreicher zu tun, kann auch teuer werden: Die Agency for Healthcare Research und Quality (AHRQ) des amerikanischen Gesundheitsministeriums berichtete 2011 in einem umfangreichen Review über Health Literacy und Outcomes. Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz werden öfter stationär ins Krankenhaus aufgenommen als die Vergleichsgruppe, welche über höhere Gesundheitskompetenz verfügt. Sie geraten weiters öfter in die Notaufnahme, und ältere Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz weisen ein höheres Mortalitätsrisiko auf als der Rest der Bevölkerung.[5]

Informationen zu den Autoren:

MMag. Bettina Ottendörfer ist Mitarbeiterin des Referats für Gesundheitsstrategie und Wissenschaftskooperation in der OÖ Gebietskrankenkasse, Mag. Werner Bencic MPH ist Leiter dieses Referats.

 


[1] Sørensen, K. et al. (2012): Health Literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. In: BMC Public Health, 12:80; http://www.biomedcentral.com/1471-2458/12/80(3.12.2012)

[2]Pelikan, J.: Gesundheitskompetenz (Health Literacy) in Österreich im internationalen Vergleich – Ergebnisse aus dem Health Literacy Survey – Europe. Präsentation beim Jour fixe des LBIHPR am 18.1.2012. Wien

[3] www.gesundheitsziele-oesterreich.at(Zugriff: 9.10.12)

[4] www.fgz.co.at(Zugriff: 9.10.12)

[5] Berkman, ND. et al.: Health Literacy Interventions and Outcomes: An Updated Systematic Review – Executive Summary. AHRQ Evidence Report No. 199 (2011) http://www.ahrq.gov/clinic/tp/lituptp.htm

(Zugriff: 9.10.12)

Tipp: Aktuelle Bildungsangebote zum Thema „Gesundheitswissenschaften“finden Sie laufend online in der Bildungsdatenbank »medicine & health«.