von Tina Saffarian.
Motivation
Im August 2024 absolvierte ich eine vierwöchige Famulatur in der Neurochirurgie am Hospital Honorio Delgado Espinoza in Arequipa, Peru.
Meine Hauptmotivation für diesen Auslandsaufenthalt war es, mein medizinisches Spanisch zu verbessern und die Sprache endlich im klinischen Alltag anzuwenden. Darüber hinaus wollte ich ein Gesundheitssystem kennenlernen, das sich von dem in Deutschland und Österreich unterscheidet.
Ähnlich wie in den meisten europäischen Ländern gibt es auch dort ein öffentliches Gesundheitssystem, allerdings mit deutlich weniger Ressourcen, zumindest in den staatlich finanzierten Krankenhäusern.
Bewerbung und Anmeldung
Die Bewerbung erfolgte über die Austrian Medical Student Association (AMSA) im Oktober 2024. Das Verfahren war insgesamt sehr einfach, und ich erhielt erfreulicherweise meinen Erstwunsch. Etwas umständlicher gestaltete sich die Organisation der geforderten Unterlagen, Impfungen und Voruntersuchungen. Die endgültige Platzzusage kam etwa acht Wochen vor Beginn. Zwei Wochen vor dem geplanten Aufenthalt habe ich mir jedoch die Hand verletzt und musste die Famulatur verschieben. Die Organisator:innen in Peru waren sehr hilfsbereit und ermöglichten mir sogar, das Praktikum um einen Monat zu verschieben.
Meine Tätigkeiten und Arbeitsbedingungen
Sprachlich war der Aufenthalt anfangs sehr herausfordernd. Vor allem die auf Spanisch abgehaltenen Fortbildungen und der neurochirurgische Fachjargon waren zunächst schwierig. In der Ambulanz konnte man jedoch schnell viel lernen und das Gelernte dann auch üben. Da Arequipa kaum touristisch ist und daher kaum Englisch gesprochen wird, war man auch im Alltag schnell gezwungen, sich auf Spanisch zu verständigen. Zur Vorbereitung habe ich das Wahlfach „Spanisch für MedizinerInnen“ an meiner Uni in Wien besucht und mir fest vorgenommen, jede unklare Grammatik in der Praxis nachzuschlagen, bis sie wirklich sitzt.
Die Stadt Arequipa
Arequipa wurde meine absolute Lieblingsstadt in Peru, und ich war sehr froh darüber, dort diese Klinik gewählt zu haben. Es handelt sich dennoch um eine Metropolregion, mit etwa 1 Millionen Einwohnern. Sie liegt im Tal, circa 2500m über Meereshöhe und ist umgeben von drei Vulkanen: dem Misti, dem Wahrzeichen der Stadt, Chachani, der höchste der Region mit circa 6090m, und dem kleineren Pichu Pichu. Die Sprache der indigenen Bevölkerung Perus ist das Quechua. Der Fluss, der durch Arequipa fließt, trägt den Namen ‚Chili‘. Dieser ist abgeleitet von ‚chiri‘, dem Quechua Wort für ‚kalt‘, da das Quellwasser aus den hochgelegenen Anden kommt und entsprechend kühl ist. Arequipa hat eine wunderschöne Altstadt, die den spanischen Kolonialismus, von dem sich das Land erst vor ca. 200 Jahren gelöst hat, noch lebhaft widerspiegelt. Sie ist ein UNESCO-Kulturerbe, und sticht durch das verwendete helle Vulkangestein, dem ‚sillar‘, besonders hervor.
Im August waren wir acht Studierende, die über das Austauschprogramm in Arequipa famuliert haben. Wir haben uns beim ‚Welcome Dinner‘ kennengelernt, zu dem jede:r eine Spezialität aus dem Heimatland zubereitet hatte. An den Wochenenden fanden regelmäßig Ausflüge gemeinsam mit den Studierenden der peruanischen Organisation statt, denen wir viele unvergessliche Erinnerungen verdanken.
Mein Arbeitsplatz – das Hospital Honorio Delgado
Das Hospital Honorio Delgado ist die größte staatliche Klinik im Süden Perus mit rund 600 Betten und dient als Anlaufstelle für komplexe medizinische Fälle aus der Region. Direkt nebenan befindet sich die staatliche medizinische Universität, auf deren Campus sogar Alpakas als Rasenmäher – oder Maskottchen – herumtoben. Studierende rotieren monatlich in Gruppen von drei bis vier Personen durch die Abteilungen. Als Austauschstudentin durfte ich immer in den OP und auch assistieren. Es fanden zum Beispiel regelmäßig Kraniektomien mit folgenden Kranioplastien statt. Dabei durfte ich die Schädelkalotte in der Bauchdecke lagern und vernähen. Auch Tumorresektionen verschiedener Raumforderungen, wie Hypophysenadenomen und Astrozytomen standen regelmäßig auf dem OP-Plan.
Der Arbeitstag begann um 7:00 Uhr mit der Morgenbesprechung. Anschließend hielten Assistenzärzt:innen Fortbildungsvorträge, die direkt vom Chefarzt bewertet und im Anschluss diskutiert wurden. Auch ich erhielt ein Thema für einen Vortrag. Anschließend fand die Visite statt, wir stellten die Patient:innen vor und untersuchten sie neurologisch zur Verlaufskontrolle.
An OP-freien Tagen, etwa zwei Tage pro Woche, nahm sich der Chefarzt persönlich Zeit für kleine Teachingeinheiten ausschließlich für uns vier Studentinnen der Rotation. Die enge Betreuung durch den Chefarzt, der nebenbei auch der Klinikleiter ist, habe ich besonders geschätzt. Zusätzlich fanden mehrmals pro Woche Seminare am benachbarten Campus statt, die ich gemeinsam mit meinen peruanischen Kolleg:innen besuchte.
In der Ambulanz begegnete ich wiederholt Patient:innen aus ländlichen Regionen, die sich erst in fortgeschrittenen Stadien vorstellten; so führte ich unter anderem Anamnesen bei Patient:innen mit Visusminderung infolge eines progredienten Hypophysenadenoms, die letztlich der Neurochirurgie zugewiesen wurden.. Trotz der Notwendigkeit einer Medikation oder Operation, musste oft ein Teil der Kosten von den Patient:innen gedeckt werden. Einige von ihnen mussten dafür zunächst nach Hause zurückkehren und Freunde und Familie um Unterstützung bitten, bevor sie einer Behandlung zustimmten.
Das gesetzlich-versus-private Gesundheitssystem, wie wir es aus Deutschland und Österreich kennen, gibt es in Peru im Rahmen der staatlichen und Privatkliniken also auch. Doch bildet sie dort bei weitem eine größere Versorgungsschere als wir sie in Europa kennen.
Es war deutlich zu erkennen, wie sehr es die Ärzt:innen und Student:innen belastet hat, wenn sie das gelernte Wissen trotz enormer Hilfsbereitschaft und Mitgefühl nicht in die Tat umsetzen konnten. Ich habe gesehen, dass man nicht immer das teuerste Equipment braucht, um die beste Patient:innenversorgung zu gewährleisten, und welche entscheidende Rolle die individuelle Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit der versorgenden Person spielt. Meine Zeit im Honorio Delgado hat mich aufmerksamer darauf gemacht, wie wir in unserem gut finanzierten, von Überfluss geprägten Gesundheitssystem mit Ressourcen umgehen, und wie ich persönlich Verschwendung vermeiden und gewissenhafter arbeiten kann.
Kosten
Der AMSA zahlt man 500 Euro, wenn man den Platz annimmt. Damit sind Unterkunft, eine Mahlzeit täglich und administrative Kosten gedeckt. Ich habe bei einer Studentin ein eigenes Zimmer im Apartment ihrer Familie erhalten. Wir haben entweder gemeinsam zu Hause gekocht oder zusammen mit anderen Studierenden bzw. den Austauschstudierenden auswärts gegessen. Versichert war ich zu diesem Zeitpunkt noch über meine Eltern. Impfungen und notwendige Laboruntersuchungen haben insgesamt rund 300 Euro gekostet. Meine Flugkosten hätten sich deutlich günstiger gestalten können, hätte ich nicht kurz vorher verschieben müssen.
Kostentabelle für 1 Monat
| Beschreibung | Kosten in Euro |
|---|---|
| Unterkunft (pro Person) AMSA-Gebühr / Monat | 500 |
| Essen und Trinken /Monat | 200 |
| Transport (öffentliche Verkehrsmittel) /Monat | 25ct pro Busfahrt, ich bin zur Klinik spaziert |
| Freizeitaktivitäten (Eintritte, Ausflüge) /Monat | 300 bis 600 |
| Kosten pro Monat | Ca. 1000 |
| Einmalig | |
| Flug (Hinflug und Rückflug mit KLM) | 1400 |
| Weitere fixe Einmalkosten | 300 |
| Gesamtkosten 1 Monat | 2400 – 3300 |
Fazit und Reflexion
Meine Zeit im Honorio Delgado hat mir gezeigt, wie stark soziale und strukturelle Faktoren den Zugang zur medizinischen Versorgung beeinflussen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie belastend diese Situation auch für Ärzt:innen und Studierende ist, die ihr Wissen und Engagement nicht immer vollständig einsetzen können. Trotz begrenzter Ressourcen habe ich dort bemerkenswerte Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein erlebt. Gute Medizin ist nicht ausschließlich von technischer Ausstattung abhängig, sondern maßgeblich von Gewissenhaftigkeit, Erfahrung und Einsatz der behandelnden Personen.
Insgesamt kann ich die Famulatur allen Studierenden empfehlen, die der spanischen Sprache mächtig, offen und neugierig sind. Ich bin der Meinung, dass Auslandsaufenthalte, neben kulturellem Austausch auch außerhalb der Klinik, wesentlich das Klinische Denken, die Entscheidungsfähigkeit, Empathie und kulturelle Sensibilität fördern. Fähigkeiten, die für good medical practice unerlässlich sind.
Interessante Webseiten
- https://www.peru.travel/destinations – alle touristischen Ziele im offiziellen Reiseführer zusammengetragen. Hierbei empfehle ich Touren und Tickets immer vor Ort zu buchen, das ist deutlich günstiger, erfordert aber etwas Flexibilität und Spontanität.
- https://exchange.ifmsa.org/explore-pages/national– Internationale Austauschmöglichkeiten werden über diese Organisation ermöglicht, die lokale Vertretung bildet die AMSA.
- https://amsa.at/ – österreichische Organisation für Medizinstudierende zum weltweiten Austausch.
Weitere Bilder
Kontakt
Bei Fragen zu Tina Saffarian Famulatur, oder bei Fragen an Tina Saffarian persönlich, wenden Sie sich direkt an die GI-Redaktion. Schreiben Sie uns ein E-Mail an: media@goinginternational.org
Haben Sie Fragen zu den Themen Arbeiten & Weiterbildung oder Jobsuche & Karriere? Dann schreiben Sie an Frau Mag. Seitz: office@goinginternational.org
Zitierung:
Saffarian, Tina: „Famulatur in der Neurochirurgie in Peru – Neurosurgery Elective at Hospital Honorio Delgado Espinoza, Arequipa“ (In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 2026, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2026)
Diese Publikation steht hier zum Download bereit.
Wird veröffentlicht in GI-Mail 2026 (Deutsche Ausgabe).
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