8 Wochen Rotation Plastische Chirurgie in Kapstadt, Südafrika

8. April 2019 at 14:20

von Johannes Heinzel.

@ Johannes Heinzel, Medizinische Universität Wien

Die Motivation zum Auslandsaufenthalt

Schon seit Beginn meines Studiums war ich mir sicher, dass ich die großen Freiheiten, die das Curriculum der MUW in Hinsicht auf mögliche Auslandsaufenthalte im fünften und sechsten Studienjahr bietet, gerne bestmöglich ausnutzen wollte. Mir ging es dabei besonders darum, andere Kulturen und insbesondere andere Gesundheitssysteme und deren Umgang mit kranken Menschen und deren Leid zu erleben. Außerdem wollte ich die Möglichkeiten und Begrenzungen der unterschiedlichen Gesundheitssysteme und die Einstellungen, Motivationen und Perspektiven der darin arbeitenden Menschen hautnah miterleben.

Für Südafrika habe ich mich im Speziellen aus zwei Gründen entschieden: Zum einen hatte ich sowohl mehrere Erfahrungsberichte gelesen, in denen das Arbeiten und Leben in diesem Land als sehr interessant und bereichernd für den Erfahrungsschatz beschrieben wurde, zum anderen hatten mir Freunde und Studienkollegen von ihren eigenen Aufenthalten erzählt. Diese Berichte zeichneten ein ambivalenteres Bild des Landes, sodass mein Interesse noch mehr wuchs.

Der zweite Grund war ein lang gehegter Wunsch einmal im Gesundheitssystem eines Landes zu arbeiten, das im Vergleich zu Österreich weniger weit entwickelt und weit weniger umfassend aufgestellt ist, um zu erleben ob und wie man Spitzenmedizin auch ohne „Spitzentechnologie“ und mit deutlich geringeren Geldmitteln umsetzen zu können vermag. Somit waren meine Erwartungen sehr hoch, da ich mich sehr auf die neuen Eindrücke und das gänzlich andere Arbeiten und Leben am südlichsten Zipfel Afrikas, zwischen Pazifik und Atlantik, freute. Trotz allen positiven Erwartungen war ich nicht allzu optimistisch. Ich hatte unter anderem bereits viel von der hohen Kriminalitätsrate mit der hohen Anzahl an Morden und Gewaltverbrechen gehört, wodurch ich wusste, dass ich dort stets deutlich mehr um meine Sicherheit besorgt sein würde, als in Europa. Zudem hatte ich Angst, mich im Rahmen meines Einsatzes im OP oder in der Notaufnahme mit kontaminiertem Instrumentarium oder Nadeln zu verletzen. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass in Südafrika die Rate an HIV-Infizierten in manchen Landesteilen weit über 10% liegt.

@ CampsBay

Bewerbung und Anmeldung

Die Bewerbung für eine 8-wöchige Rotation an der Klinik für Plastische Chirurgie am Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt war einer der langwierigsten und geduldsfordernden Prozesse, die ich jemals für eine Bewerbung durchlaufen habe. In der Theorie läuft die Bewerbung recht einfach ab: man schreibt eine formlose Mail an das International Office der Universität unter intertyg@sun.ac.za, erkundigt sich, ob der gewünschte Zeitraum der Rotation an der Wunschabteilung noch frei ist und bittet um weitere Informationen bezüglich der erforderlichen Bewerbungsunterlagen.

Nach einigen Tagen bis Wochen erhält man dann die auszufüllenden Unterlagen und Informationen per Mail zugeschickt. Unter anderem muss ein Datenblatt mit persönlichen Informationen, ein Motivationsschreiben, ein Empfehlungsschreiben des Studiendekanats und der Nachweis der ausreichenden Kenntnis der englischen Sprache (TOEFL oder Vergleichbares) per Mail nach Kapstadt geschickt werden. Alles in allem ist es ein mittelmäßiger organisatorischer Aufwand, der jedoch für jede/-n motivierte/-n Bewerber-/-in gut zu bewerkstelligen ist. Leider gibt es jedoch einen gehörigen Knackpunkt an der ganzen Sache: die Antwortgeschwindigkeit und -motivation der zuständigen MitarbeiterInnen.

Anfangs bekam ich mehrere Wochen lang keine Antwort, woraufhin ich dort angerufen habe. Dann wurde mir versprochen, meine Unterlagen zu sichten und sich dann nochmals zu melden, um mich zu informieren, ob die gewünschte Rotation zum gewünschten Zeitraum noch zu vergeben wäre. Wiederum vergingen Wochen ohne jegliche Nachricht aus Kapstadt, also rief ich erneut an und wurde prompt wieder mit der Dame verbunden, mit der ich bereits Wochen zuvor gesprochen hatte. Leider konnte sie sich weder an mich noch an unser Telefonat oder mein Anliegen erinnern, wodurch sich das ganze nervenaufreibende Prozedere nochmals wiederholte. Nach geschätzt 10 Anrufen und ebenso vielen Mails (oftmals ohne Antwort, da scheinbar Mails vom International Office wenn überhaupt nur dann beantwortet werden, wenn sie innerhalb der dortigen Bürozeiten im Posteingang aufscheinen), hatte ich dann aber meine schriftliche Zusage inklusive Einladungsschreiben und Rechnung über etwa 800€ im Postfach.

In den 800€ waren etwa 200€ Bewerbungsgebühr und 600€ Studiengebühr für den 8-wöchigen Aufenthalt enthalten. In diesem Kontext ist es wichtig zu wissen, dass sich die Studiengebühren jährlich um etwa 10% erhöhen. Will man ein Zimmer in der International Students Lodge auf dem Campus mieten, muss man etwa 300-400€ pro Monat zusätzlich einplanen. Dies ist sehr empfehlenswert, da die Anreise zum Spital von außerhalb nur mit dem eigenen Auto zu bewerkstelligen ist: Eine Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar mit dem Fahrrad oder zu Fuß ist aufgrund der Sicherheitslage lebensgefährlich.

Tätigkeit und Arbeitsbedingungen

Das Team der Plastischen und Rekonstruktiven Chirurgie am Tygerberg Hospital bestand zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes aus 4 AssistenzärztInnen, 4 sich täglich abwechselnden OberärztInnen mit teils eigener Praxis außerhalb des Krankenhausbetriebes und dem Chefarzt. Gleich vom ersten Tag an wurde ich als ein „vollwertiges“ Teammitglied anerkannt und hatte das Gefühl, als wertvolle Bereicherung und geschätzte Unterstützung des Teams herzlich willkommen geheißen zu werden.

@ Capetown Beach

Die Hierarchie in der Abteilung ist flach, der Chefarzt hatte eine natürliche Autorität aufgrund seiner chirurgischen und fachlichen Kompetenz und wurde von den anderen ÄrztInnen als Mentor und Lehrer angesehen, der jederzeit mit Rat und Tat, insbesondere im OP, zur Verfügung stand, wenn einer der anderen Chirurgen Hilfe oder Unterstützung benötigte. Ich hatte stets das Gefühl sowohl auf der Station als auch im OP eine gern gesehene und willkommene Hilfe zu sein. Auch um Lehre und Weiterbildung wurde sich sehr gekümmert, besonders der Chefarzt versuchte den StudentInnen täglich in jeder freien Minute klinisches und theoretisches Wissen zu vermitteln. Zusätzlich findet einmal wöchentlich eine mehrstündige Lehrvisite inklusive eines Vortrages zu einem aktuellen klinischen Thema statt.

In der Regel wird in Südafrika sehr auf die Einhaltung der Arbeitszeiten (täglich etwa 07:30 bis 16:00) geachtet, nur in sehr dringenden Notfällen blieben ÄrztInnen und PflegerInnen länger. Andererseits kam es aber auch vor, dass eine Krankenschwester im OP, die eigentlich noch die Operation zu Ende instrumentieren sollte, um Punkt 16 Uhr die Abteilung verließ, da sie an diesem Tag in Urlaub fahren wollte. Gesprochen wurde auf der Station größtenteils Englisch, teils etwas Afrikaans und einige der anderen 9 Landessprachen Südafrikas, mit einem einigermaßen sicheren Englisch kann man sich aber sicherlich überall verständigen. Ansonsten halfen die Gesundheits- und KrankenpflegerInnen mit Dolmetschen aus. Insbesondere bei PatientInnen, die ausschließlich Isixhosa (die mit mehreren Klick- und Schnalzlauten akzentuierte Sprache des Volksstamms der Xhosa) sprechen, ist dies eine absolut notwendige Unterstützung. Auf gar keinen Fall sollte man versuchen, diese für Europäer sehr exotisch klingende Sprache und deren Laute zu imitieren, was von den Xhosa als schwere Beleidigung und Verunglimpfung ihrer Kultur interpretiert wird.

Arbeitsplatz

Das Tygerberg Academic Hospital ist ein staatliches Krankenhaus, das in einer Gegend Kapstadts liegt, die von den Einwohnern der Region nur als „the arm pit“ beschrieben wird, da es sich um einen hoch kriminellen und verarmten Bezirk handelt. Das „Tygerberg“ mit seinen rund 1400 Betten war während des Apartheid-Regimes eines der besten Krankenhäuser Südafrikas. Unter der neuen Regierung erhält es jedoch nur noch wenige Fördergelder und ist daher sehr rudimentär ausgestattet. In vielen Operationssälen und Stationen blättert der Putz von den Wänden, die sanitären Anlagen befinden sich in einem teils sehr maroden Zustand und es gibt sogar Gerüchte über eine ganze Taubenfamilie, die in einem der Operationssäle leben soll.

© Terri Chowles eHealth News, South Africa

Operationsinstrumente, Naht- und Verbandsmaterial und sogar teils fundamentale Medikamente sind oft nur sehr limitiert vorhanden, weshalb der gewissenhafte Umgang mit den beschränkten Mitteln des Krankenhauses einen der wichtigsten Aspekte der täglichen Arbeit darstellt, oftmals im unglaublichen Gegensatz zur Arbeit in europäischen Krankenhäusern.

Staatliche Krankenhäuser werden in Südafrika meist nur von den mittellosen, oftmals dunkelhäutigen und schlecht gebildeten Bevölkerungsschichten aufgesucht, welche sich die Behandlung in einem teuren privaten Krankenhaus nicht leisten können. Dementsprechend ist die Notaufnahme des Krankenhauses oftmals die Bühne trauriger Familiendramen, wenn die Verwandten ihre im Township (Slums in den Ausläufern Kapstadts) entweder angeschossenen, mit Messern oder Macheten verletzten oder mit vom Mob als Strafe für Bagatellverbrechen wie Taschendiebstahl gelynchten Angehörigen zur Behandlung bringen.

Und obwohl teils gewisse Barrieren zwischen den oftmals gut gebildeten und ebenso gut verdienenden ÄrztInnen europäischer Herkunft und ihren oftmals armen, oft dunkelhäutigen und erheblich weniger privilegierten PatientInnen spürbar sind, so war doch auch stets großer Respekt der PatientInnen gegenüber den ÄrztInnen wahrnehmbar. Mein Eindruck war deshalb, dass PatientInnen in den Spitälern Kapstadts und Südafrikas im Allgemeinen eine deutlich reduzierte Anspruchshaltung in Hinsicht auf ihre medizinische Versorgung erheben, vielmehr herrscht oft noch ein in Europa bereits größtenteils überwundenes, patriarchalische Beziehungsbild zwischen Arzt und Patient vor.

Versicherungen

Haftpflichtversichert war ich für meinen Aufenthalt in Kapstadt über die von der MUW, bzw. ÖH abgeschlossenen Haftpflichtversicherung, die jede/-r Student/-in automatisch mit Einzahlung des ÖH-Beitrages abschließt. Eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung hatte ich im Voraus mit der deutschen Ärzteversicherung abgeschlossen. Bei dieser kann man sich spezifisch für 1, 2 oder alle KPJ-Tertiale im Ausland versichern. Die Planung und Organisation der Auslandskrankenversicherung war schnell und unkompliziert über die Interpräsenz der deutschen Ärzteversicherung.

Kosten für ein 8-wöchiges KPJ Tertial am Tygerberg Academic Hospital 

Flug (Hinflug und Rückflug mit Lufthansa): Ca. 800€
Unterkunft (pro Person) Ca. 400€/Monat
Essen und Trinken: Ca. 300€/Monat
Transport (Leihwagen): Ca. 100-200€/Monat
Studiengebühren für 4 Wochen: Ca. 400-500€
Freizeitaktivitäten (Reisen, Safari, Ausflüge) Ca. 200€/Monat
Gesamt: Ca. 3800€/8 Wochen

 

Relevante Websites


Der Erfahrungsbericht von Johannes Heinzel steht hier zum Download als PDF bereit.

 

Mehr Information zum Thema Arbeiten im Ausland.


Veröffentlicht in GI-Mail 06/2019 (Deutsche Ausgabe). Abonnieren Sie GI-Mail hier.

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