Medizin außerhalb der bestehenden Strukturen

14. November 2016 at 12:11

Marienambulanz und Louise-Bus präsentieren ihre Arbeit am 47. Kongress für Allgemeinmedizin in Graz.

Vortrag & Workshop

Vortrag: „Medizin außerhalb der bestehenden Strukturen“ Do., 24.11. 16:45 – 17:10, Stadthalle Graz, Messeplatz 1, 8010 Graz

Workshop:Migranten und medizinisch unterversorgte, verarmte Menschen in der Allgemeinpraxis“ Sa., 26.11. 14:30 – 17:30, Stadthalle Graz, Messeplatz 1, 8010 Graz

„Was ist die Marienambulanz und was macht ihr da eigentlich?“ ist eine häufige Frage, die man gestellt bekommt, wenn man im Freundes- bzw. Bekanntenkreis über seine Arbeit erzählt. Nach einigem Überlegen, antworte ich meistens: „im Prinzip ist es, wie in einer Hausarztpraxis, aber…“. Meistens bin ich dann kaum noch zu stoppen:

Die Marienambulanz gibt es seit 1999. Gegründet wurde sie in einer Zeit, in der viele Flüchtlinge und Asylwerber aus Bosnien nach Graz kamen, die unter den damals gültigen Gesetzen keine Krankenversicherung hatten. Ein engagiertes Team aus ÄrztInnen und MitarbeiterInnen der Caritas sah den Bedarf, eine Einrichtung zu gründen, die eine medizinische Grundversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung anbietet. Zusätzlich wurde schon seit längerem im Marienstüberl der Caritas, wo Bedürftige kostenlos eine warme Mahlzeit erhalten können, eine medizinische Beratungsstunde von einem ehrenamtlichen Arzt angeboten. So wurde die Marienambulanz in der Mariengasse gegründet und 1x täglich in der Mittagszeit von einem Team aus ehrenamtlichen ÄrztInnen und Krankenschwestern medizinische Grundversorgung für Menschen mit erschwertem Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem angeboten. Nach fast 18 Jahren sind wir mittlerweile ein Ambulatorium nach dem steiermärkischen Krankenanstaltengesetz, mit vielfältigen Angeboten wie einer Frauensprechstunde, Psychiatrieordination, Diabetessprechstunde und vielem anderem mehr. In vielen Punkten entspricht die derzeitige Ambulanz bereits einem modernen Primärversorgungszentrum. Geändert hat sich in diesen 18 Jahren nicht nur die Größe und die Rechtsform der Ambulanz, sondern immer wieder auch die Zusammensetzung unserer PatientInnen: im Jahr 2016 stammt die größte Gruppe aus Afghanistan, dann folgen Rumänien, Syrien und Irak, Tschetschenien und Österreich.

 

Was bedeutet es, einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem zu haben? Und warum suchen diese Menschen die Marienambulanz auf ?

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Rollende Ambulanz © Mario Gimpel

Zum einen ist eine fehlende Krankenversicherung eine wesentliche Hürde für den Zugang zur medizinischen Versorgung. Normalerweise sind laut Angaben des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger in Österreich 99 % der in Österreich lebenden Menschen krankenversichert. Wenn man jedoch aufgrund von Erkrankungen (zumeist psychischen oder Suchterkrankungen) nicht in der Lage ist, die notwendigen Amtswege (zum Arbeits- oder Sozialamt) zu erledigen, bedeutet das, dass die Krankenversicherung nicht weitergeführt wird. Auch geringfügig Beschäftigte und Selbstständige mit unsicherer Auftragslage können sich häufig die Beträge zur Krankenversicherung nicht leisten. ArmutsmigrantInnen aus anderen EU-Ländern, in unserem Fall häufig Rumänien, sind in Österreich nicht krankenversichert, sofern sie im Heimatland nicht versichert und in Österreich nicht beschäftigt sind. Und auch unter den Asylwerbern gibt es immer einige, die aus der Grundversorgung herausfallen und dann nicht versichert sind. Zusammenfassend sind es überwiegend Menschen, die arm sind oder ein geringes Bildungsniveau oder chronische Erkrankungen haben.

In der Marienambulanz werden Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt und mit Medikamenten versorgt. Die angestellte Sozialarbeiterin versucht, Menschen wieder zu einer Krankenversicherung zu verhelfen. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Caritas, um sich der weiteren, oft sehr vielschichtigen Probleme unserer PatientInnen anzunehmen. Wohnungslosigkeit, unklarer Aufenthaltstitel, nicht wahrgenommene Ansprüche auf Mindestsicherung, manchmal sogar Hunger – diese stehen oftmals vor den medizinischen Problemen im Vordergrund und sind daher gemeinsam zu bearbeiten.

Eine weitere Hürde stellt die Unkenntnis des österreichischen Gesundheitssystems dar. Der „Hausarzt“ ist nicht überall bekannt, in vielen Ländern suchen PatientInnen öffentliche, weiter entfernte Facharztzentren auf oder gehen direkt in Krankenhäuser. Das System, sich Termine für Ärzte auszumachen und diese einhalten zu müssen, ist für manche neu. Zudem können in vielen Ländern Menschen in Apotheken unkompliziert selber Arzneimittel kaufen, die in Österreich rezeptpflichtig sind. Dies führt zu Missverständnissen und falschen Erwartungen: Menschen gehen direkt in Krankenhausambulanzen, halten Termine tlw. nur schwer ein oder erwarten sich viel mehr Medikamente als aus unserer Sicht notwendig. All dies bedarf Geduld, Kommunikation und Aufklärung.

Die häufigste Hürde stellt für PatientInnen und ÄrztInnen wohl die Sprachbarriere dar, dazu kommen kulturelle Unterschiede und manchmal auch Analphabetismus. In der Marienambulanz arbeiten regelmäßig ehrenamtliche DolmetscherInnen für die häufigsten Sprachen: Farsi, Arabisch, Rumänisch und Ungarisch. Weiters haben wir einen Pool an telefonisch erreichbaren Dolmetschern für verschiedene Sprachen. Verwendet werden auch Zeige-Bücher, Online-Übersetzungsprogramme und: „Hände und Füße“, wenn es gar nicht anders geht. Für Medikamentenschachteln haben wir mehrsprachige Aufkleber mit den wichtigsten Indikationen (z.B. Blutdruck), für Facharzttermine geben wir fremdsprachige Hinweiszettel mit, dass diese einzuhalten sind. Auch Wegbeschreibungen für die häufigsten von der Ambulanz aus getätigten Wege liegen auf.

Was kulturelle Unterschiede betrifft, sind die MitarbeiterInnen sehr erfahren, und die Zusammenarbeit mit den DolmetscherInnen ist ebenso hilfreich. Die häufigsten Themen sind hinlänglich bekannt: geschlechtsspezifische Untersuchungen, medikamentöse Therapie während des Ramadan, Aufklärung und Therapietreue sowie die oben erwähnten unterschiedlichen Erwartungen.

Menschen, die den Weg in unsere Ambulanz nicht schaffen, erreichen wir durch unser aufsuchendes Angebot, der Rollenden Ambulanz. Hier fährt 1x wöchentlich ein Arzt/Ärztin sowie eine medizinische Assistenz öffentliche Plätze sowie Notschlafstellen in Graz an, an denen unsere Zielgruppe anzutreffen ist. Ein Hauptziel ist neben der Akutbehandlung die Motivation sowie der Vertrauensaufbau, so dass der Weg in die Ambulanz zur weiterführenden Diagnostik und Therapie ermöglicht wird.

Menschen, die in der Marienambulanz arbeiten, haben sich bewusst für diese Tätigkeit entschieden und sind motiviert, mit unserer Zielgruppe zu arbeiten. Sie sind bereit, sich den speziellen Anforderungen an eine Arbeit in einer niederschwelligen Gesundheitseinrichtung zu stellen: Für diese Arbeit werden Menschen gesucht, die über eine breit gefächerte Erfahrung in der Allgemeinmedizin verfügen. Die bereit und fähig sind, Probleme und komplexe medizinische Fragestellungen pragmatisch und lösungsorientiert anzugehen. Die Ohnmachtsgefühle aushalten können und akzeptieren können, dass man die oft sehr komplexen sozialen Probleme unserer PatientInnen nicht oder nur sehr beschränkt lösen kann. Die Erwartungshaltung an den Patienten, an die medizinischen Möglichkeiten und an die Ressourcen dürfen nicht zu hoch sein. Es ist eine hohe Frustrationstoleranz gefragt.

In nahezu allen Ballungsräumen Europas und auch Österreichs gibt es niederschwellige Gesundheitseinrichtungen, ähnlich der Marienambulanz. Wir betrachten unsere Einrichtung und unsere Arbeit nicht als eine Medizin außerhalb der bestehenden Strukturen, sondern als sinnvolle Ergänzung eines breitgefächerten medizinischen Angebots. Neben den öffentlichen Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern und Arztpraxen, besteht eben noch der Bedarf für Angebote für bestimmte Zielgruppen, wie z.B. unversicherte PatientInnen oder MigrantInnen. Wir sind ein Puzzleteil im bestehenden System und teilen gerne unsere Erfahrungen mit anderen.

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Porträt Eva Czermak © Mario Gimpel

Über diese Arbeit berichten wir in unserem Vortrag sowie unserem Workshop auf dem Allgemeinmedizinerkongress in Graz. Gemeinsam mit uns werden Kolleginnen vom Louise-Bus der Critas Wien Einblicke und Erfahrungen aus ihrer äußerst spannenden Tätigkeit teilen, auch der ausgeklügelt ausgestattete Bus kann besichtigt werden.

Über folgenden Link kommen Sie zur Homepage der Marienambulanz, wo auch der Jahresbericht 2015 abrufbar ist: http://marienambulanz.caritas-steiermark.at/

 

Autorin:

Eva Czermak, Dr. med., E.MA

Organisatorische Leitung des Ambulatoriums Caritas Marienambulanz seit 2012, ehrenamtliche Mitarbeit seit 2000, spricht mehrere Fremdsprachen.

 

 

Veröffentlicht in GI-Mail 11/2016 (Deutsche Ausgabe). Abonnieren Sie GI-Mail hier.

Tipp: Aktuelle Weiterbildungsangebote zum Thema Medizin und Gesundheit finden Sie laufend online in der Bildungsdatenbank »medicine & health«.