Das Projekt „Rollende Arztpraxis“ – mobile Versorgung von Geflüchteten in Schleswig-Holstein

30. November 2018 at 12:04
Karolin Hahn

Karolin Hahn, M.A.

Von Karolin Hahn.

Um die medizinische Versorgung von Geflüchteten in den ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins zu ergänzen, wurde ein mobiles Versorgungskonzept („Rollende Arztpraxis“) entwickelt.

Im Rahmen der Begleitevaluation des Projektes stellte sich die Frage, mit welchen Instrumenten die medizinische Versorgung von Geflüchteten abgebildet werden kann. Daher wurde eine arabische Version des EUROPEP entwickelt und getestet.


Das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Lübeck beschäftigt sich unter anderem mit dem Forschungsgebiet zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung insbesondere in ländlichen Regionen. Mit dem von der Damp Stiftung [Götz et al.2017] geförderten und gemeinsam mit dem Praxisnetz Herzogtum-Lauenburg durchgeführten Projekt „Integration, Organisation und Evaluation der ambulanten medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden im Kreis Herzogtum Lauenburg“ wurde das Ziel verfolgt, die in Schleswig-Holstein ansässigen Ärzte bei der medizinischen Versorgung von Geflüchteten zu unterstützen. Das Projekt fokussierte einerseits darauf die medizinische Versorgung von Geflüchteten zu evaluieren und andererseits die Erfahrungen zur Versorgung mit dem mobilen Versorgungskonzept zu betrachten.

Die “rollende Arztpraxis”

Ein zu einer vollständig ausgestatteten Arztpraxis umgebauter Kleinbus versorgte zwölf Monate lang wöchentlich drei Gemeinschaftsunterkünfte mit über 100 Patienten in ländlichen Regionen in Schleswig-Holstein. Bei jeder Konsultation war ein Sprachmittler anwesend. Um die Erfahrungen mit der „Rollenden Arztpraxis“ abzubilden, wurde ein qualitatives Studiendesign gewählt. Hierzu wurden Fokusgruppen und Interviews mit Geflüchteten, Gesundheitspersonal, Einrichtungsleitern von Gemeinschaftsunterkünften sowie Verwaltungsangestellten und Gemeindevertretern durchgeführt. Die hierbei zentralste explorierte Kategorie bezog sich auf die sprachlichen Barrieren. Neben dem sprachlichen Aspekt berichtete das interviewte Gesundheitspersonal, dass sich die Krankheitsbilder, abgesehen von einer deutlich erhöhten Rate psychischer Beratungsanlässe, nicht wesentlich von denen deutscher Patienten unterscheiden. Die Geflüchteten sahen in dem mobilen Versorgungskonzept vor allem die Reduzierung der Wegstrecken aber auch die Möglichkeit der sprachlichen Verständigung als Vorteile an. Zudem wurde die vereinfachte Terminvergabe als weiterer Vorteil gesehen.

Der EUROPEP-Fragebogen

Zur Evaluation der medizinischen Versorgung von Geflüchteten wurde neben dem qualitativen Projektteil eine quantitative Befragung der Geflüchteten und Asylbewerber zu ihrer Versorgungsqualität durchgeführt [Goetz et al. 2018a]. Da die Deutschkenntnisse der Patienten nicht ausreichten um den Fragebogen in deutscher Sprache zu beantworten und die arabische Sprache unter den Patienten der Rollenden Arztpraxis am meisten vertreten war, wurde eine Übersetzung und anschließende Validierung des EUROPEP-Fragebogens [Grol, Wensing 2000] ins Arabische durchgeführt. Der EUROPEP-Fragebogen erfragt die Versorgungsqualität aus Patientenperspektive anhand von 23 Fragen in den Dimensionen Arzt-Patient-Beziehung, medizinisch-technische Versorgung, Koordination und Kooperation, Information und Unterstützung sowie Praxisorganisation. Dieses Projekt wurde vom Arbeitskreis Migration und Gesundheit der Ärztekammer Schleswig-Holstein gefördert.

619 arabisch sprechende Personen wurden eingeladen, an der Befragung teilzunehmen. Insgesamt erhielt das Institut für Allgemeinmedizin 136 ausgefüllte Fragebögen zurück, von denen 95 Personen zuletzt einen Hausarzt besucht hatten. Das Ziel war die Überprüfung der psychometrischen Eigenschaften der arabischen Version des EUROPEP-Fragebogens. Um die Dimensionalität der einzelnen Bereiche des EUROPEP abzubilden, wurde die Methode der explorativen Faktoranalyse angewandt. Die Bestimmung der Reliabilität erfolgte durch die Berechnung des Cronbach’s alpha-Koeffizienten. Die Bewertungen zu den einzelnen Aspekten der Versorgungsqualität zeigten ähnliche Ausprägungen wie andere Studien, die das Instrument „EUROPEP“ angewendet haben [Goetz et al.2015, Goetz et al. 2018b]. Besonders positiv wurde beispielsweise die Frage „Wie hat er Ihnen zugehört?“ beantwortet. Zuhören ist wesentlich für eine Arzt-Patient-Beziehung, Zuhören kann das Vertrauen von Geflüchteten in den Hausarzt stärken. Die Überprüfung der psychometrischen Eigenschaften zeigte gute bis sehr gute Werte. Der Fragebogen kann in Folgestudien mit arabisch sprechenden Personen angewendet werden. Er kann über das Institut für Allgemeinmedizin angefragt werden (Kontakt: katja.goetz@uni-luebeck.de).


Internetseiten:

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: https://www.uksh.de/allgemeinmedizin-luebeck/Aktuelles.html

Damp Stiftung: http://www.damp-stiftung.de

Ärztekammer Schleswig-Holstein: https://www.aeksh.de/ueber-uns/hauptamt/arbeitskreis-migration-und-gesundheit


Weiterführende Literatur:

Goetz K, Hahn K, Steinhäuser J: Psychometric properties of the Arabic version of the EUROPEP-questionnaire. Patient Prefer Adherence 2018a; 12:1123-1128

Goetz K, Jossen M, Rosemann T, Hess S, Brodowski M, Bezzola P: Is patient loyalty associated with quality of care? Results of a patient survey over primary care in Switzerland. Int J Qual Health Care 2018b; Jul 3. doi: 10.1093/intqhc/mzy142

Götz K, Knöfler M, Möllmann C: Hilfe vor Ort: Die Rollende Arztpraxis verbessert die Flüchtlingsversorgung auf dem Land. Integration, Organisation und Evaluation der ambulanten medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden im Kreis Hzgt. Lauenburg. In: Amelung VE, Dembski B, Fiedler S, Göhl M, Hess R, Koschorrek R, Schwartz FW, Scriba PC, Wendel-Schrief J, Hrsg. 7. MSD Forum GesundheitsPARTNER. MSD Gesundheitspreis 2017. Haar: MSD SHARP & DOHME GmbH; 2017: 189-192

Goetz K, Bungartz J, Szecsenyi J, Steinhaeuser J: How do patients with a Turkish back-ground evaluate their medical care in Germany? An observational study in primary care. Patient Prefer Adherence. 2015; 9: 1573-1579

Grol R, Wensing M: Patients evaluate general/ family practice. The EUROPEP instrument. Mediagroep KUN/MUC.2000


Zur Autorin:

Karolin Hahn, M.A. Prävention und Gesundheitsmanagement.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.


Veröffentlicht in GI-Mail 12/2018 (Deutsche Ausgabe). Abonnieren Sie GI-Mail hier.

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