Berlin – zwei Monate am St. Gertrauden Krankenhaus

8. November 2017 at 16:47

Dr. Olivia Nonn

von Olivia Nonn.

Ich war insgesamt vier Monate in Berlin, davon verbrachte ich zwei Monate im Rahmen meines Tertials „Allgemeine Innere Medizin“ auf der Gastroenterologie-Station im St. Gertrauden Krankenhaus, einem Lehrkrankenhaus der Charité, im Stadtteil Wilmersdorf nahe der S-Bahn (Ringbahn) Haltestelle Heidelberger Platz im Südwesten Berlins.

Meinen Platz im St. Gertrauden Krankenhaus habe ich persönlich mit dem Chefarzt der Abteilung per Mail vereinbart. Soweit ich weiß, ist dies aber jetzt nicht mehr möglich und seit 2017 erfolgen alle Bewerbungen zentral über das Charité International Cooperation Büro der Charité (ChIC).

Tagesablauf in der Klinik

Ich habe jeden Tag um 8 Uhr mit der Stationsarbeit begonnen. Zuerst musste ich mit meiner PJ-Kollegin jede Menge Blutabnahmen durchführen und Flexülen (Venflonkanülen) setzen. Währenddessen ging unser/e Assistenzart/ärztin ohne uns zur Morgenbesprechung. Wenn die Blutabnahmen und die erste Morgenarbeit erledigt waren, begann die Visite im Zeitraum von 9 bis 11 Uhr und dauerte 2 Stunden. Der Beginn der Visite war abhängig davon, wie viel Arbeit unsere AssistenzärztInnen vorher unbedingt zu erledigen hatten. Nach der Visite war noch Zeit für einige andere Tätigkeiten bis zur täglichen Röntgenbesprechung. Die Röntgenbesprechung war meist um 13 Uhr und dauerte eine halbe Stunde, sodass wir PJler der Inneren danach meist geschlossen zum Mittagessen in die Kantine gegangen sind. Nach dem Mittagessen gingen wir zur EKG-Befundung und danach wieder zurück auf die Bettenstation. Mein Dienstschluss war abhängig davon, wie viel noch zu tun war, zwischen 15 und 16.30 Uhr.

Zwei- bis dreimal wöchentlich konnte man zur Endoskopie gehen. Dort hatten wir PJler die Aufgabe eine Art „Anästhesie-Assistenz“ zu leisten. Für die endoskopischen Untersuchungen haben wir die vorbereitete Sedierung (Propofol Dosierung, Darreichung, Infusionen, Vitalzeichenkontrolle, etc.) durchgeführt. Zusätzlich fanden ein- bis zweimal pro Woche Seminare statt, die man besuchen konnte.

Aufgaben und Tätigkeiten als PJler

  • Blutabnahmen durchführen und Flexülen setzen (5-20 insg. pro Tag, 1-2 Stunden Arbeit pro Tag)
  • Aufklärungen (Gastroskopien, Koloskopien, CT, etc.)
  • Aufnahmestatus erheben
  • Befundbeschaffung, telefonische Auskunft bei niedergelassenen ÄrztInnen
  • Arztbriefe schreiben (optional)
  • Endoskopie-Assistenz für die Sedierung (Propofol Dosierung, Darreichung, Vitalzeichenkontrolle, Infusionen, etc.)

Team

Man merkte durchaus, dass die Stationen mit AssistenzärztInnen unterbesetzt waren. Das Positive daran war, dass wir also wirklich gebraucht wurden. Trotz des Personalengpasses kam das Erklären aber auch nie zu kurz. Der Umgang zwischen den ÄrztInnen und uns war immer sehr respektvoll und man hat uns stets das Gefühl gegeben, in den Arbeitsalltag eingebunden zu sein. Die ÄrztInnen bedankten sich ständig für die Hilfe und auch die OberärztInnen, insbesondere bei den Endoskopien, waren sehr freundlich und erklärungswillig. Der Chefarzt war regelmäßig im Stationsalltag präsent, er nahm auch am Studentenunterricht teil und bei den Visiten hat er sich Zeit genommen und viel erklärt. Das Team war sehr freundlich zueinander und es herrschte im Allgemeinen eine sehr gute Stimmung.

Fernsehturm Berlin, © Olivia Nonn.

Anreise und Unterkunft

Ich bin per Zug angereist, da dies in der Weihnachtszeit das billigste Angebot war. Prinzipiell sind aber Fernbusse von Österreich aus am billigsten und mit ein bisschen mehr Gepäck auch am praktischsten. Es gibt aber auch regelmäßige Flüge direkt aus Graz nach Berlin.

Ich habe in einer Wohnung in Weißensee gewohnt, die ich über Freunde gefunden habe. Für eine kurze Zeit ist nur ein Zimmer sicher besser, eine der Möglichkeiten für eine Kurzzeit-Miete wäre AirBnb; ein Einzelzimmer dort kostete ungefähr EUR 350 pro Monat.

Organisation und Finanzen

Ich habe mein Praktikum als Erasmus-Praktikum (ERASMUS Student Mobility of Placement – SMP) angemeldet, weshalb ich dann ein Stipendium von ungefähr EUR 350 bekommen habe. Am besten informiert man sich bei dem universitätsinternen Erasmusbüro und dessen Erasmus-Outgoing Beauftragten. Es gibt hier vielfältige Möglichkeiten für Förderungen und Stipendien und man muss sich daher für jedes Land extra informieren.

Laut KollegInnen gibt es bei einigen Privatkliniken zusätzliches Geld. Dies ändert sich allerdings häufig und am besten kann man sich auf der PJ-Ranking Website über alle möglichen Krankenhäuser und deren Bedingungen für StudentInnen informieren. Bei dieser Website bewerten und berichten MedizinstudentInnen über ihre PJ-Tertiale.

Ich habe bei meinem Tertial am St. Gertrauden Krankenhaus kein zusätzliches Geld bekommen; das Krankenhaus hat uns PJlern nur Mensagutscheine gesponsert.

Meine Kosten im Überblick

  • Einzelzimmer: ungefähr EUR 350 pro Monat
  • Öffentliche Verkehrsmittel: EUR 50-80 pro Monat
  • Essen: EUR 200 pro Monat
  • Sonstiges/Kultur: EUR 40-50 pro Monat

Berlin, nicht medizinisch

Weißensee, © Olivia Nonn.

Berlin hat als Hauptstadt natürlich unglaublich viel Interessantes zu bieten: Museen, Theater, Oper, etc. Was aber sicherlich auch stimmt ist, dass man sich bei dem Überangebot leicht verlieren kann!

  • Gratis in Berlin mit vielen Tipps: Ich fand die „Gratis in Berlin“-Website sehr praktisch, weil man hier je nach Stadtteil/Themenbereich/Datum geordnet alle kostenlosen Veranstaltungen findet. Ich war einmal bei einer einstündigen Shiatsu-Massage oder bei den Campus-Talks vom br, man findet immer etwas Interessantes auf dieser Website.
  • Oper und Museen: Toll fand ich auch meine Classic-Card: Unter 30 Jahren kann man sich diese Karte für EUR 15 kaufen und kann dann bei jeder Opernaufführung (bzw. bei klassischen Konzerten und einigen Staatsballett-Aufführungen) Restkarten für EUR 10 ergattern. Es ist nicht immer leicht, man muss ungefähr 2-3h vorher in der Oper vor dem Schalter warten, es ist aber eigentlich auch witzig, um Leute kennenzulernen. Hier sind mehr Informationen zu der Classic-Card -> für alle unter 30.
  • Genauso praktisch ist die Museen-Jahreskarte für Studenten um EUR 25. Damit kann man die 19 Staatlichen Museen zu Berlin besuchen, ohne Einschränkungen. Leider sind ein paar im Umbau, aber angesichts der relativ hohen Einzeleintrittspreise für Studenten (EUR 6-8) lohnt es sich schon nach wenigen Besuchen.

Man kann natürlich auch sehr einfach nur so in der Stadt herumlaufen, es gibt mehrere Seen (Weißensee zum Beispiel) oder Stadtteile, die eher wie Urlaubsorte wirken, und wo man auch mal Segeln oder Paddeln kann (Wannsee).

Öffis in Berlin

Das öffentliche Verkehrsnetz in Berlin ist wirklich sehr gut ausgebaut, es gibt eigentlich nichts, wo man nicht hinkommen könnte. Da Berlin sehr weitläufig ist, muss man aber teilweise auch innerstädtisch lange Fahrzeiten einkalkulieren. Ich musste jeden Tag eine Stunde mit der S-Bahn zum Krankenhaus fahren. Mit dem Auto ist man allerdings selten schneller, vor allem nicht zu den Stoßzeiten.
Man kann im Krankenhaus einen Azubi-Schein (eine Bestätigung für Auszubildende) beantragen, meist bei der Personalabteilung, und kann sich damit ein ermäßigtes Monatsticket (bzw. andere Fahrscheine) kaufen. Ein normales Monatsticket kostet z.B. ca. EUR 80, ein ermäßigtes Ticket ca. EUR 50. Es lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn man nicht ständig mit den Öffis fahren möchte. Ich habe es leider erst zu spät herausgefunden, dass der Azubi-Schein für uns als PJler auch gültig ist.

Praktisch zur Orientierung in der Hauptstadt ist die BVG-App (Berliner Verkehrsbetriebe) für alle, die ein Smartphone haben, denn damit kann man sich sehr leicht vom aktuellen Standort per Öffis zum Ziel navigieren lassen.

Berlin mit dem Auto

Wir hatten auch ein Auto dabei, in Berlin ist es im Gegensatz zu Graz viel einfacher, sich mit dem Auto in der Stadt fortzubewegen. Auch im Zentrum gibt es eigentlich immer irgendwo Parkplätze, die Parkgebühren sind sogar an den „nobleren“ Orten noch geringer als in Graz in der blauen Zone, und sollte man einmal das Ticket vergessen haben, fällt die Strafe mit EUR 15 viel geringer aus. Weiter draußen kann man in fast allen Straßen gratis parken, so auch vor meiner Wohnung. Wenn man sich also im Voraus informiert und weiß, dass es gratis Parkplätze vor der Haustür gibt und das Krankenhaus auch mit dem Auto besser erreichbar ist, lohnt es sich viel mehr als in anderen Großstädten, das Auto mitzunehmen!

Charité International Cooperation (ChIC)
ChIC – ist der Bereich der Akademischen Verwaltung, der die internationalen Aktivitäten der medizinischen Fakultät und die Austauschprogramme für Medizinstudierende koordiniert und organisiert. Auf diesen Seiten findet man Informationen rund um das Auslandsstudium und die internationalen Angebote und Aktivitäten der Charité.

Das Erasmus Programm

Im Erasmus-Praktikum (ERASMUS Student Mobility of Placement – SMP) werden Pflichtpraktika im EU-Ausland mit einem monatlichen Betrag bezuschusst, meist zwischen EUR 300 und 400. Jede Universität hat jeweils andere Richtlinien, welche der StudentInnen ein Stipendium erhalten. Es gibt in jeder Universität ein Erasmus-Büro, wo sich StudentInnen an der Heimat-Universität (als „Outgoing“) und an der Gastuniversität (als „Incoming“) über die Austauschmodalitäten beider Seiten informieren können. Am besten informiert man sich bei dem jeweiligen Erasmus-Büro der Universität, da immer die Heimat- sowie Gastuniversität entscheiden, wie das Austauschprogramm ausgestaltet ist und es somit sehr viele unterschiedliche Programme und Richtlinien gibt.

Interessante Links


Der Erfahrungsbericht von Olivia Nonn steht hier zum Download als PDF bereit.


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Veröffentlicht in GI-Mail 11/2017 (Deutsche Ausgabe). Abonnieren Sie GI-Mail hier.

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