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Warum "Hygge" für Pflegekräfte jetzt genau das Richtige ist

Warum Hygge für Pflegekräfte jetzt genau das Richtige ist

"HYGGE" macht glücklich – auch und gerade in ungemütlichen Zeiten. Wie die Glücksformel der Dänen funktioniert, erklärt Autorin Andrea Fischer

„Hygge“ stammt aus dem Skandinavischen und steht für eine Stimmung von Gemütlichkeit, für ein Gefühl tiefen Wohlbefindens – einen Zustand, der in der aktuellen Pandemie gerade Pflegekräften eher utopisch erscheinen mag. Doch auch angesichts der Corona-Krise könne die Lebensphilosophie der Dänen weiterhelfen, sagt Andrea Fischer, Beraterin und Autorin des Buches „Hygge in der Pflege. Die dänische Glücksformel für Gesundheitsfachberufe“ (Springer). Im Interview erläutert die Gründerin der Hygge-Akademie, was das Konzept ausmacht und wie es Pflegekräften neue Kraft geben kann.

Was machen die Dänen denn anders als beispielsweise die Deutschen, die im aktuellen World Happiness Report auf Rang 17 liegen? Und kann Hygge auch in einer Ausnahmesituation wie der derzeitigen Pandemie hilfreich sein?

Aufgrund der Corona-Pandemie befinden wir uns derzeit ja weltweit in einem Ausnahmezustand. Doch auch in normalen Zeiten begegnen wir in Deutschland oftmals eher eine Opfermentalität; der Einzelne fühlt sich den Umständen ausgeliefert.

Diesen Punkt trifft das Hygge-Konzept: stattdessen zu sagen, ich habe mein Leben in der Hand und kann es aktiv gestalten. Außerdem geht es um den dankbaren Blick auf das Positive, auf das, was ist – und nicht auf alles, was gerade nicht ist bzw. problematisch verläuft.

Wir alle sind in den vergangenen Monaten ungewohnten, unschönen bis hin zu dramatischen Geschehnissen ausgesetzt, und trotzdem können wir auf das Gute, das es gerade auch gibt, fokussieren. Allein durch diesen positiven Blick und das Fokussieren auf Lösungen fühlen wir uns schon wieder mehr in unserer Kraft, weil wir selbst handeln und entscheiden.

Was bedeutet das für die Arbeit von Pflegekräften?

Schon vor der Corona-Krise habe ich in Seminaren bei Pflege-Mitarbeitern oft die Tendenz gesehen, sich für andere aufzugeben und so für sie da zu sein, dass sie sich selbst kaum mehr wahrnehmen. Hygge aber lädt ein zu fragen: Was brauche ich eigentlich, was kann ich mir – im Rahmen aller Vorschriften – in meinem Arbeitsalltag Gutes tun? Und das ist kein Egoismus, im Gegenteil: Diese Haltung macht es leichter, sich um die Patienten oder Heimbewohner zu kümmern, und es belastet weniger, als wenn man nur im Funktionsmodus ist.

Hygge ist nicht die Lösung für die Pandemie oder strukturelle, politische Probleme in unserem Gesundheitswesen, aber ein Weg, die eigene Sichtweise auf die Dinge zu ändern und als Allererstes gut für sich selbst zu sorgen. Viele Menschen haben verlernt, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Und wie kann es gelingen, Hygge in den angesichts der Pandemie noch einmal angespannteren Arbeitsalltag von Pflegekräften zu bringen?

Ganz grundsätzlich sollten wir vor allem einen Gedanken zulassen: dass Arbeit auch Spaß machen kann. Denn das Wohlfühlen am Arbeitsplatz weckt bei uns ja vielfach noch Skepsis – wohlfühlen sollte sich doch lieber jeder zuhause, mit Wolldecke, Kerzen und Zimtschnecke. Diese Trennung ist per se total unnatürlich.

Das ist wichtig zu verstehen – zum einen für die Zeit nach der Pandemie, aber vielleicht auch gerade jetzt. Denn mit einer anderen Einstellung kann ich mich bei meiner Arbeit tatsächlich so einrichten, dass ich ihr mit Freude nachgehe. Das hat mit einer inneren Erlaubnis genauso wie mit einem wertschätzenden Miteinander zu tun, also auch mit den Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodellen.

Stehen hierbei auch abseits der Pandemie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Pflege in Deutschland und Dänemark nicht im Weg?

Die Hygge-Philosophie ist ja keine strikte Anleitung zum Glücklichsein. Es gibt kein allgemein gültiges Rezept oder einen 10-Punkte-Plan für Hygge, zumal es immer auch Faktoren wie das Corona-Virus geben wird, die wir nicht beeinflussen können. Aber mit welcher Haltung man in eine Situation hineingeht, entscheidet man immer selbst.

Dänemark ist zwar ein Wohlfahrtsstaat mit ganz anderen finanziellen Absicherungen im Alter, bei der Rente und im Gesundheitswesen. Das können wir natürlich nicht eins zu eins übertragen. Aber Hygge kann uns helfen zu erkennen, was wir in unserem Gesundheitssystem stärker präventiv statt reaktiv tun können. Das fängt bei der inneren Haltung an, geht über die Arbeitsplatzgestaltung bis zum täglichen Miteinander. Dazu brauchen wir keine bestimmte Staatsform und auch keine Arbeitsanweisung, das können wir überall leben.

Wie können erste Schritte hin zu mehr Hygge konkret aussehen?

Den Fokus auf das legen, was ich beeinflussbaren kann – selbst in dieser Zeit mit all ihren Herausforderungen und Einschränkungen. Auch jetzt kann jeder selbst entscheiden, mit welcher Einstellung er in den Tag startet. Das heißt, freue ich mich auf schöne Dinge oder geht mir nur durch den Kopf, was stressig werden könnte? Stimme ich mich schon morgens positiv ein und mache ich mir vielleicht selbst erst einmal eine kleine Freude? Dazu gehört also auch, das eigene Denken zu beobachten und zu steuern. Was ist zum Beispiel der erste Gedanke, wenn ich aufwache?

Unsere Gedanken beeinflussen unmittelbar, wie wir uns fühlen – es lohnt sich also, sie gleich auf etwas Angenehmes zu lenken. Gedankenhygiene ist mindestens so wichtig wie Handhygiene, denn auch sie hält uns gesund und zudem frohen Mutes.

Lesen Sie den Artikel hier.

Autor: Interview mit Andrea Fischer (Hygge-Akademie)   Quelle: Pflegen Online, 8. Februar 2021
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