von Moritz Kropiunik.
Motivation für den Auslandsaufenthalt
Schon während meines Medizinstudiums wollte ich ein Tertial in einer internationalen, urbanen Umgebung absolvieren, in der ich praxisnah lernen und zugleich das Gesundheitssystem eines anderen Landes kennenlernen kann. Berlin erschien mir dafür ideal: eine Metropole mit modernen Kliniken, einem vielfältigen Patientenspektrum und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Ich erwartete, in den verschiedenen Abteilungen praktische Fertigkeiten zu erweitern, Einblicke in Arbeitsabläufe und Hierarchien deutscher Krankenhäuser zu erhalten und meine interkulturelle Kompetenz zu stärken. Besonders neugierig war ich auf den Umgang mit PatientInnen unterschiedlichen Alters und sozialer Hintergründe.
Medizinische Tätigkeit
Bewerbung und Anmeldung
Die Anmeldung verlief größtenteils unkompliziert: Ich kontaktierte die Sekretärinnen der jeweiligen Abteilungen per E-Mail, schickte Lebenslauf und Immatrikulationsbestätigung und erhielt innerhalb weniger Wochen Zusagen. Für das PJ muss man dann noch entweder Erasmus+ Antrag (geht leider nur bei einer Zeitspanne von mehr als 2 Monaten, also sind 8 Wochen leider zu kurz) oder, wie in meinem Fall, den Freemover Antrag ausgefüllt und unterzeichnet in „Mobility Online“ hochladen und im MedCampus den Antrag stellen. Alles eigentlich sehr einfach und unkompliziert. Was vielleicht noch wichtig zu sagen wäre: PJ als ausländischer Student in Berlin zu absolvierenist von der Charité eigentlich, wenn man es ganz strenggenommen nimmt, verboten. Viele Kliniken (insbesondere die Vivantes-Gruppe, die hier sehr offen und hilfsbereit war) bieten jedoch an, dass man offiziell als Famulant geführt wird. Die jeweilige Abteilung und die betreuenden Mentoren unterzeichnen dann einfach die KPJ-Mappe aus Wien. Es ist also möglich, man muss dafür allerdings etwas unkonventionell denken.
Tätigkeit und Arbeitsbedingungen
Unfall Krankenhaus Berlin (UKB) – Anästhesie (1 Monat) (Berlin – Marzahn)
Im UKB in Marzahn habe ich mich von Anfang an ausgesprochen wohl gefühlt.
Das lag zum einen an dem sehr netten PJler, der zu dieser Zeit auf der Station war, und zum anderen an einem sympathischen Unfallchirurgen, bei dem ich mich ebenfalls gut aufgehoben gefühlt habe.
Die ersten beiden Wochen verbrachte ich auf der Intensivstation. Fachlich und technisch war das durchaus herausfordernd, allerdings wurde mir nicht allzu viel Verantwortung übertragen, insgesamt also eine interessante und angenehme Zeit.
Als österreichischer Student muss man sich allerdings erst an die Berliner Arbeitszeiten gewöhnen: Ein früher Feierabend um 13 Uhr ist hier nicht vorgesehen, man bleibt wie die PJler meist bis 16 oder 17 Uhr.
Besonders positiv fand ich, dass auf der ITS viele deutsche Assistenzärzte im Rahmen einer Rotation tätig sind. Dadurch ist das Team meist jung, bunt gemischt und sehr kollegial.
In den letzten beiden Wochen war ich im OP eingeteilt. Abgesehen von der Einleitung gab es dort zwar nicht allzu viel zu tun, doch das Team war sehr freundlich, und man nahm sich Zeit, mir vieles zu erklären. Für mich persönlich ist die Anästhesie jedoch etwas zu weit vom Patienten entfernt und auf Dauer eher monoton. Deshalb habe ich in dieser Zeit alle Studientage der vier Wochen genutzt, ein kleiner Vorteil, wenn man wie ein PJler behandelt wird, denn man erhält auch die regulären Studientage. So blieb etwas mehr Freizeit.
Alles in allem war es eine gute und lehrreiche Zeit; fachlich anspruchsvoll, aber für mich letztlich nicht das richtige Fachgebiet.
Jüdisches Krankenhaus Berlin (JKB) – Neurologie (1 Monat) (Berlin – Wedding)
Direkt im Anschluss ging es für mich (ich habe bewusst keine Osterpause eingelegt, um später mehr Zeit für die SIP zum Lernen zu haben) ans JKB auf die Neurologie.
Gleich vorweg: Neurologie gehört eigentlich nicht zu meinen Lieblingsfächern, und ich hätte nie gedacht, dass mich dieses Fach besonders begeistern könnte. Aber diese Famulatur war mit Abstand die beste meines bisherigen Studiums.
Vom ersten Tag an wurde ich herzlich ins Team aufgenommen. Alle Kolleginnen und Kollegen waren unglaublich freundlich, engagiert und motiviert, Wissen weiterzugeben. Das Teaching war strukturiert, praxisnah und sehr lehrreich, man hatte wirklich das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Ich durfte viel selbstständig arbeiten und hatte eine erlebnisreiche, spannende Zeit, was sicher auch an den anderen Studierenden lag, mit denen ich mich großartig verstanden habe. Natürlich gab es auch Tage, an denen viele Blutabnahmen anfielen, aber selbst dafür bekam man stets ein ehrliches „Danke“ und konnte dabei gleichzeitig viel lernen.
Mein Aufgabenbereich reichte von verschiedensten neurologischen Untersuchungen, die ich nach einer kurzen Einführung eigenständig durchführen durfte, bis hin zur Liquorpunktion, die ich gegen Ende sogar selbstständig machen konnte; definitiv mein persönliches Highlight.
Alles in allem war es eine rundum perfekte Famulatur. Fachlich bereichernd, menschlich inspirierend und einfach unvergesslich.
Waldfriede Berlin – Gynäkologie (1 Monat) (Berlin – Steglitz/Zehlendorf)
Die Gynäkologie ist eine sehr gut strukturierte Abteilung, in der alles nach Plan abläuft. Bereits am ersten Tag wird man einem Team zugeteilt; entweder in der Geburtshilfe, im OP oder in der Ambulanz für Erstaufnahmen.
Die Geburtshilfe kann mitunter etwas ruhig sein, da man dort häufig auf den nächsten Einsatz wartet. Im Gegenzug ist es im OP umso spannender: Vor allem die Kaiserschnitte waren äußerst interessant und lehrreich, da man als Student direkt eingebunden wird, am Tisch steht und das Geschehen aus nächster Nähe miterlebt.
Die hierarchischen Strukturen unterscheiden sich deutlich von jenen in den inneren Fächern, dennoch war es insgesamt eine sehr gute und bereichernde Famulatur.
SIP und Ferien (Juni/Juli)
Den Juni habe ich vollständig der Vorbereitung auf die SIP 5a gewidmet. Dafür bin ich wieder nach Wien zurückgekehrt und habe während dieser Zeit bei meinen Eltern gewohnt, da meine Wohnung weiterhin vermietet war. Fast jeden Tag wurde konsequent gelernt –Karteikarten in Anki geklickt, bis die Augen zufielen und der Kopf rauchte.
Gegen Ende der Lernphase wurde ich leider krank und musste die Prüfung mit Ibuprofen bestehen, was jedoch erstaunlich gut funktioniert hat. Schließlich konnte ich die SIP 5a mit einem „Gut“ abschließen.
Eine Woche später folgte noch die Defensio meiner Diplomarbeit, und danach begann endlich der wohlverdiente Sommer. Die folgenden vier Wochen habe ich größtenteils in Kärnten bei meiner Familie verbracht und dort die Zeit sehr genossen.
Vivantes Auguste – Viktoria Klinikum AVK – Infektiologie (8 Wochen) (Berlin – Schöneberg)
Meine Zeit im AVK war zugleich unglaublich lehrreich, anstrengend und auch richtig lustig. Die Ausbildung auf dieser Abteilung ist dank der Primaria wirklich erstklassig. Jede Woche finden mindestens zwei interne Fortbildungen durch Oberärztinnen und Oberärzte oder die Chefärztin selbst statt. Zusätzlich gibt es täglich PJ-Fortbildungen aus verschiedenen Abteilungen für alle Studierenden des Hauses.
Nebenbei lernt man enorm viel über Antibiotikatherapie. Zwar wird man anfangs etwas ins kalte Wasser geworfen, doch man findet schnell in den Arbeitsrhythmus hinein, und die Lernkurve steigt steil an. Die Assistenzärztinnen waren alle ausgesprochen freundlich, hilfsbereit, engagiert und ich konnte sogar eine echte Freundschaft schließen.
Auch die Pflege und das Verwaltungspersonal verdienen besondere Erwähnung. Ich habe selten ein so herzliches und hilfsbereites Team gegenüber Studierenden erlebt und bin mittlerweile sogar mit einigen über Social Media vernetzt.Alles in allem war es eine fantastische Zeit; intensiv, lehrreich und voller positiver Erfahrungen.
Freizeit
Meine Freizeit in Berlin habe ich sehr unterschiedlich gestaltet. Da ich viel Sport mache, ging es fast jeden Tag nach der Klinik direkt ins Fitnessstudio. Allerdings sind die Wege in Berlin oft sehr lang, was dazu führte, dass ich abends meist erst spät nach Hause kam, schnell etwas gegessen, vielleicht noch eingekauft und mich dann bald schlafen gelegt habe.
Zum Glück hat man in Berlin pro Woche einen freien Studientag; ein fairer Ausgleich, der mir oft ein verlängertes Wochenende ermöglichte. Meistens habe ich mir den Freitag freigenommen und konnte so drei volle Tage lang die Stadt erkunden. Da meine Cousine und mein Cousin schon länger in Berlin leben, hatte ich von Beginn an eine familiäre Anbindung. Außerdem haben mich fast jedes zweite Wochenende Freunde aus Wien besucht. Wir waren viel unterwegs; in Bars, Clubs, auf Flohmärkten und bei allerlei Events. Ich konnte mein Leben in Berlin am Wochenende wirklich genießen, besonders, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nichts lernen musste.
Für die SIP habe ich nebenbei immer wieder in der U-Bahn oder auf dem Weg zur Arbeit mit Anki wiederholt (in dem Wissen, dass ich nach den fünf Wochen in Berlin noch genug Zeit zum Lernen haben würde). Meine Diplomarbeit war zu diesem Zeitpunkt bereits fertig und eingereicht, wodurch ich mich ganz auf die Erfahrungen vor Ort konzentrieren konnte. Insgesamt war es eine unglaublich schöne, ereignisreiche Zeit, die ich sicher nie vergessen werde.
Wohnsituation
Die Wohnungssituation war anfangs etwas herausfordernd, da ich ursprünglich geplant hatte, je nach Krankenhaus den Wohnort zu wechseln. Die Entfernungen in Berlin sind oft groß, und meine Lehrkrankenhäuser lagen in ganz unterschiedlichen Stadtteilen.
Die erste Woche wohnte ich bei einer Freundin in Lichtenberg. Zum Glück nicht weit vom UKB in Marzahn entfernt. Danach war ich drei Wochen in einer Wohnung in Friedrichshain, einem Viertel, das mir besonders gut gefallen hat. Es erinnert ein wenig an den Wiener Neubau. Anschließend durfte ich einen Monat bei meiner Cousine in Mitte wohnen, was sehr praktisch war, da das JKB in der Nähe lag.
Darauf folgten drei Übergangstage in einem Hotel in Friedrichshain, bevor ich noch einmal rund zwei Wochen in derselben Wohnung dort verbrachte, wo es mir so gut gefallen hatte. Danach zog ich für ein paar Nächte zu einer Freundin nach Charlottenburg und wohnte zum Abschluss nochmals zwei Wochen in einer Wohnung in Mitte. Die tägliche Fahrt zum Waldfriede-Krankenhaus war zwar lang und anstrengend, aber ideal, um unterwegs noch ein paar Anki-Karten zu wiederholen – also halb so schlimm.
Insgesamt war die Zeit zwar organisatorisch etwas mühsam, aber auch eine tolle Gelegenheit, viele verschiedene Stadtteile Berlins kennenzulernen. Für das PJ im August und September wohnte ich zunächst wieder bei derselben Freundin in Charlottenburg und anschließend in Neukölln. Alle Wohnungen, die ich zwischenzeitlich untergemietet habe, fand ich übrigens ganz unkompliziert über die WhatsApp-Gruppen der Charité.
Arbeitsplatz / Ausstattung
Alle Kliniken waren modern ausgestattet und boten High-Tech-Medizin. Das UKB und das Waldfriede Krankenhaus verfügten über spezialisierte OP-Säle, moderne Intensivstationen und Labore. JKB und AVK waren kleiner, aber ebenfalls gut ausgerüstet. Patientinnen waren altersmäßig gemischt, von jungen Erwachsenen bis Seniorinnen, mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen.
Versicherungen
Ich war über die österreichische Studentenversicherung abgesichert, zusätzlich über die Kliniken haftpflichtversichert. Die Kliniken unterstützten bei allen Formalitäten, besonders AVK wegen der umfangreicheren Anforderungen.
Dauer und Ablauf
- März: Anästhesie, UKB
- April: Neurologie, JKB
- Mai: Gynäkologie, Waldfriede
- Juni: SIP-Prüfungsvorbereitung
- Juli: Sommerferien
- August & September: Infektiologie, AVK
Fazit
Mein Tertial in Berlin war eine äußerst bereichernde Erfahrung. Besonders die Neurologie und Infektiologie haben mir praxisnahes Lernen ermöglicht und tiefe Einblicke in medizinische Abläufe gegeben. Anästhesie war herausfordernd, aber lehrreich und gab wertvolle Einblicke in perioperative Abläufe.
Neben medizinischen Kenntnissen habe ich organisatorische Abläufe und interkulturelle Kompetenzen kennengelernt. Kritikpunkte bestanden eher in kleineren organisatorischen Unterschieden zwischen Kliniken (z. B. unterschiedliche Dokumentationssysteme). Insgesamt würde ich ein Tertial in Berlin allen Studierenden empfehlen, die praxisnah, vielseitig und intensiv lernen möchten.
Kostentabelle für 7 Monate
| Beschreibung | Kosten in Euro |
|---|---|
| Unterkunft / Monat | 1000 |
| Verpflegung | 400 |
| Transport | 100 |
| Freizeit | 150 |
| Kosten pro Monat | 1650 |
| Flug (Hin- und Zurück) | 350 |
| Gesamtkosten 7 Monate | 11900 |
Interessante Webseiten (wichtige Institutionen & Behörden)
- Deutsches Ärzteblatt: Informationen zu Famulatur, Weiterbildung, Berufsanerkennung.
- Bundesärztekammer: Registrierung, Berufsermächtigung und berufsrechtliche Informationen.
- Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum: Informationen zu Praktika und Ausbildungsprogrammen.
- Unfallkrankenhaus Berlin: Praktika, Ausbildungsprogramme und klinische Abläufe.
- Berlin Tourismus: Freizeit- und Veranstaltungstipps: Öffentliche Verkehrsmittel.
Fotos
Bei Fragen zu Vorname Nachnames Famulatur, oder bei Fragen an Vorname Nachname persönlich, wenden Sie sich direkt an die GI-Redaktion. Schreiben Sie uns ein E-Mail an: media@goinginternational.org
Haben Sie Fragen zu den Themen Arbeiten & Weiterbildung oder Jobsuche & Karriere? Dann schreiben Sie an Frau Mag. Seitz: office@goinginternational.org
Zitierung:
Kropiunik, Moritz: Mein 6-monatiges KPJ in Berlin – Von der Neurologie über die Gynäkologie und Anästhesie bis hin zur Infektiologie
(In: Polak, G. [Hg.]: GI-Mail 2026, ISSN: 2312-0819 Going International, Wien 2026)
Diese Publikation steht hier zum Download bereit.
Wird veröffentlicht in GI-Mail (Deutsche Ausgabe).
- Kennen Sie unseren monatlichen Newsletter GI-Mail mit Tipps zu postgradualen Lehrgängen und Kongressen? Hier geht es zur Anmeldung.
- Sind Sie auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen/Jobs & Vakanzen? Hier finden Sie die aktuellen Stellenangebote.
- Kennen Sie schon unsere monatliche Job-Information GI-Jobs mit aktuellen Stellenangeboten für ÄrztInnen, ManagerInnen und dipl. Fachpflegekräfte? Hier geht es zur Anmeldung.
- Sind Sie an neuen postgraduellen Kursen und CME-Weiterbildung interessiert? Laufend neue Kurse & Kongresse von mehr als 2300 Veranstaltern finden Sie in der Bildungsdatenbank »medicine & health«